Harriet Köhler
Und dann diese Stille

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Meine Zusammenfassung
Die Geschichte beginnt damit, wie Walther (der älteste dieser Großvater-Vater-Sohn-Geschichte) im Krankenhaus Grete, seine Frau besucht. Sie stirbt, was er ihr noch hätte sagen müssen, sollen, wollen, blieb ungesagt….wie all die vielen Jahre davor.
Ihr beider Sohn, Jürgen, ist unterwegs zu seinem Vater, hat seinen Koffer dabei, er hat vor, vorübergehend bei seinem Vater zu wohnen, ihm zu helfen, ihm beizustehen, seine Mutter am Krankenbett zu besuchen.
Ihm gehen die vielen Jahre seines Lebens durch den Kopf, zunächst als Kind, als sein Vater im Krieg war, dann als der Vater heimkehrte, wie schwer die Zeit war.

Als er am Bett seiner Mutter sitzt:
"Er wollte etwas tun für sie, sein Leben lang hatte er alles für sei getan, er hatte Felder geplündert, hatte Mehl besorgt, hatte sie gehalten, als die Flieger kamen… - Schon als Kind war er nie einfach nur ihr Sohn gewesen, sondern immer auch ihr Beschützer und Retter, ihr Ehemann, all die Jahr, als ein Vater im Krieg, in der Gefangenschaft war. Er hatte gelernt, sachlich zu bleiben und stark zu sein, so lange stark zu sein, bis keine Schwäche mehr in ihm war. _Er hatte es lernen müssen. Jedes Mal, wenn sie weinte, spürte er, wie er wuchs, wie er größer wurde und ernsthafter und - Jedes Mal, wenn sie weinte wurde er zum Mann. Und dieser Erwachsene war er geblieben, sein ganzes Leben lang: verantwortungsvoll, kontrolliert und ohne mitleidig mit sich selbst zu sein…….." -

Erzählungen seines Vaters beschränkten sich immer nur auf Attitüden, dutzendfach geäußert, Geschichten wie sie jeder Kriegsheimkehrer erzählt……. Persönliches ist nie zu hören. Die Mutter, wie auch der Vater, aber auch Jürgen selbst, haben ein Geheimnis. Keiner kann drüber reden, alles versinkt im Schweigen, sobald auch nur in die Nähe dieses Geheimnisses gekommen wird. Diese ganze Geschichte der Grete, aber auch die von Walther, wird immer zwischendurch erzählt, also nicht chronologisch. Sie fließt immer ein in aktuelle Vorkommnisse, Gespräche, Gedanken.

Jürgen ist geschieden, hat einen Sohn, Nicki genannt. Nicki ist während dieser Geschichte dabei, seine Beziehung zu seiner Freundin Ruth zu festigen. Aber bis dahin sind noch einige Hürden zu nehmen. - Auch bei Nicki macht sich genau das gleiche bemerkbar wie schon bei seinem Großvater, später auch seinem Vater; er kann sich nicht öffnen, seiner Freundin einfach alles so sagen wie es grade ist. Sie bemerkt das, sie stört das. - - Das wird dem Leser im Laufe des Lesens des ganzen Buches immer bewusster. - - Vor allem wenn auch die Geschichten des Großvaters und Vaters deutlicher werden.

Als Nicki von seinem Vater hört, was geschehen ist, fährt er sofort mit dem Zug von München in den Heimatort seiner Eltern und Großeltern…… Ruth gegenüber ist er nicht fähig, zu erklären, wie es in ihm aussieht, oder gar sie zu bitten, ihn zu begleiten. -
Er ruft sie dann an, als er im Haus seines Großvaters ist:
"Was ist los, fragte er. Sie machte ein genervtes Geräusch, dann fuhr sie ihn an. Was los ist? Du fährst allein zu deinen Großeltern, ich hab gedacht, okay, er wird schon wissen, aber dann meldest du dich nicht ein einzige Mal, keine SMS, kein Anruf, nichts. und da - Ruth - - Was. - Hör zu, es ist einfach - Was ist einfach? Er wollte ihr erklären, wollte ihr sagen, dass seine Großmutter tot war, wollte von dem Abend erzählen, dem Schrecken, dem Schweigen, das überall gewesen war, aber dazu bekam er den Mund nicht auf, seine Stimme blockierte, die Stimmritze, der Kehlkopf, alles stand still wie in einem großen Krampf. Seine Zunge bewegte sich im Mund auf und ab. - Ich liebe dich, weil du unkompliziert bist und man mit dir reden kann - Der Satz fiel ihm plötzlich wieder ein. Er wusste, dass er nicht wahr war, mit einem Mal nicht mehr wahr war……."-------

"Es gab diese Gefühle, über die er sprechen konnte, aber Nicki wusste, dass sie Standartgefühle waren, Gefühle, die alltäglich waren und die im Leben eines jeden Menschen existierten, Gefühlte, die man analysieren konnte und mit denen man umgehen konnte. Aber es gab noch etwas anderes, das in ihm war, etwas, das tiefer saß. Etwas, das ihm sehr nahe kam. - Etwas wie ein Schmerz. Etwas, das es ihm unmöglich machte, sich wirklich zu öffnen. Etwas, das ihm ZU nahe kam. - Nicki nahm den Hörer ganz fest in die Hand. Ich liebe dich, sagte er, fast lautlos. - Ist das Alles? fragte sie leise. - Ja. Nein. Ruth - Er atmete durch, und sein Rachen entspannte sich, und es klang fast normal nur ein bisschen heiser, als er sagte: Ruth, ich muss noch was erledigen, und dann melde ich mich, okay? - Okay, sagte sie und legte auf……….."

Die Geschichte mit Walther, dem Großvater, und Jürgen, seinem Sohn, geht mittlerweile auch weiter. Es ist ein seltsames Verhältnis zwischen den beiden. Abwehrend gegenüber seinem Sohn verhält sich Walther, wenn der ihm behilflich sein will, da er ja mittlerweile sehr gebrechlich ist. - Es gibt kein Gespräch, nichts. Der Vater schweigt vor sich hin - Jürgen kann die Mauer auch nicht aufbrechen.

"Doch dann schrie er wieder. Jürgen wusste nicht, ob es schon tiefer Schlaf oder nur ein kurzer Schlummer war, aus dem er erwachte. Sein Vater schrie. Verzweifelt, wie ein verzweifeltes Tier. Als Kind hatte Jürgen oft voller Angst in seinem Bett im Dachboden gelegen, als der fremde Mann ein Stockwerk tiefer um sein Leben schrie, später lernte er, dass Beten half…….."

Walter wird mehr und mehr gebrechlich, Jürgen ist unermüdlich in seinem Bestreben, dem Vater zu helfen, das Haus sauber zu halten. Auf dem Nachbargrundstück wohnt eine Familie, der Mann ist inzwischen Witwer. Diese Familie hatte schon damals, in der DDR, als beide Familien noch dort wohnten neben Walther und Grete gewohnt. - Diese sind vorher in den Westen geflüchtet, haben im Westen ein großes Grundstück kaufen können, und das dann Walther und Grethe angeboten, als sie dann später, zusammen mit Jürgen, auch in den Westen geflohen waren. Sie bauten sich auch ein Häuschen, aber seltsamerweise gab es die Kontakte, wie damals in der DDR, bzw. bevor Walther aus dem Krieg zurückgekommen war, nicht mehr. - Warum, wurde nie transparent.

Das wird es erst sehr viel später, als die Geschichte fortgeschritten ist. Es hat mit dem Geheimnis zu tun, das Grethe mit der Nachbarin teilte - und auch Jürgen war beteiligt…… Aber es gibt auch ein Geheimnis von Walther, es ist ein Kriegserlebnis….
Diese Geschichten laufen alle nebeneinander. Durch Vergleiche, und sogar ähnliche Vorkommnisse, was das Verschweigen betrifft, kommen sie sich sehr nahe, führen zum Geheimnis, und auch dem Grund dieser so häufig unerträglichen Stille…..

 

 

Die Autorin
Harriet Köhler, geboren 1977 in München, hat Kunstgeschichte studiert und besuchte die Deutsche Journalistenschule.

Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

 

Buchdaten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch 2010
Seitenzahl: 313
Deutsch
ISBN-13: 9783462041910 ISBN-10: 3462041916

 

Beschreibung des Verlags: "Der ganze Schrecken und der ganze Trost, den Familie bedeuten kann. Wie ist es, wenn man in hohem Alter seine Frau verliert und auf einmal merkt, dass man nie mit ihr geredet hat - zumindest nicht über das, was einem seit sechzig Jahren das Herz zuschnürt? Wie ist es, wenn man als Rentner wieder bei seinem Vater einzieht - und einen Mann pflegt, der einem ein Leben lang fremd geblieben ist? Und wie ist es, wenn man immer sicher war, anders zu sein als die Eltern - und nun, da man zum ersten Mal liebt, erkennen muss, dass man genauso verstockt und unfähig ist wie sie? Walther sitzt an Grethes Krankenbett und sieht hilflos die letzte Chance verstreichen, ihr alles zu erzählen. Jürgen will seinem Vater zur Seite stehen, aber der wehrt seine Hilfe ab. Dennoch entsteht zwischen den beiden Männern eine Nähe, die neu für sie ist. Als Walther damals aus dem Krieg und der Gefangenschaft kam, war Jürgen bereits zehn, er hat seinen Sohn nicht aufwachsen sehen. Diese Jahre haben sie immer getrennt, Jahre, in denen viel geschehen ist, Erlebnisse, für die es keine Worte gibt. Doch nun wird Walther zum Pflegefall und Jürgen zum Pfleger, und Vater und Sohn entkommen sich nicht mehr. Als dann auch noch Jürgens Sohn Nicki sie besucht, der mit Ruth gerade zum ersten Mal erfährt, wie schön und schwer es ist zu lieben, wird die Mauer des Schweigens rissig und die Vergangenheit blitzt hervor. Alte, bislang nie ausgesprochene Konflikte bahnen sich wütend ihren Weg an die Oberfläche und führen zu einer vorsichtigen und zarten Annäherung. Nach ihrem hochgelobten Debüt "Ostersonntag" erweist sich Harriet Köhler erneut als feinfühlige und genaue Beobachterin familiärer Bindungen. Mit beeindruckender Sprache und in intensiven Bildern erzählt sie von Trauer und Sehnsucht, von Wut und Liebe, aber auch von der Möglichkeit, zu verstehen und zu verzeihen - und umspannt, fast nebenbei, die Geschichte dreier Generationen, geprägt von den Spätfolgen des Krieges."

Meine abschließende Meinung
Dieser Roman bietet nicht nur fast philosophisch anmutende Sequenzen, sondern, und das nicht zuletzt, eine sehr differenzierte, ausdrucksstarke, dennoch sehr feine Sprache. Fein ziseliert schildert die Autorin nicht nur die Gefühle, sondern versucht auch, ihnen auf den Grund zu gehen. Und ihr gelingt es in diesem Roman, wo sie drei Männergestalten und ihre Verbindungen, ihre Verhaltensweisen zu einanander untersucht, den Leser genau dahin zu führen, darüber nachzudenken.

Und: es sind nicht nur Männer, die nicht fähig sind, ihre Geheimnisse preiszugeben, zu be- und zu verarbeiten, auch Grethe gehört dazu. - - Auch sie, und auch ihr Sohn Jürgen, der von dem Erlebnis genug mitbekommen hat, schweigt. - Als ob es eine stille Vereinbarung gegeben hätte….. - Ob es anders hätte kommen können, wenn Walther auch ehrlich gewesen wäre, sich selbst aufgeschlossen hätte, ihr die Möglichkeit gegeben hätte?

Stutzig wurde ich bereits, als geschildert wurde, wie Walther aus dem Krieg zurückkehrt. - Grethe hatte auf ihn gewartet, war nicht in den Westen geflohen, wie viele andere. Walther hätte sie dann ja nie finden können. Sie blieb, und wartete. - Nur, als er dann wirklich da war, und sie das erste Mal in ihren Ehebetten lagen, und Grethe ihm die Schulter zuwandte, und er das hinnahm, da bemerkte ich schon etwas, aber es war noch lange nicht klar, warum sich Grethe so verhielt, und vor allem, warum auch Walther nicht fähig war, das aufzubrechen.

Beide schwiegen also. Es war diese Stille, die der Autor dann als Titel nutzte…… Wie dann aus weiteren Schilderungen zu erahnen ist, nahmen beide Eheleute ihr eheliches Sexualleben nie wieder auf….. Auch das kam mir merkwürdig vor. - Sie waren beide in den Dreißigern…..Vor allem, weil das nie Thema war.

Der Sohn von Jürgen dann, der irgendetwas spürt, aber nichts Genaues weiß, aber durch seine Freundin Ruth doch dann der Sache näher kommt, bzw. auf den Weg gebracht wird, nicht die gleichen Fehler wie sein Großvater und Vater zu wiederholen. Jürgen war ja, obwohl er es nicht bemerkte, seinem Vater sehr ähnlich….. vor allem in Bezug auf ‚Nichtausdrücken' von Gedanken, Gefühlen usw. - und natürlich auch durch sein Wissen um das Geheimnis seiner Mutter, das er niemals fähig war zu thematisieren…..
Um welches Geheimnis es sich handelt, werde ich nicht preisgeben. Wer aufmerksam gelesen hat, wird es erahnen. Mir ging es so, und obwohl ich was Ähnliches vermutet hatte, war ich dennoch gespannt auf das, was letztendlich wirklich war.

Diese ganz feine Spannung hält die Autorin bis zu den letzten Seiten. - Und sie geht einen Schritt weiter, sie bietet eine Lösung an, und zwar in der Figur des Nicki…..

Auch die Schilderungen, wie Jürgen seinen Vater dann pflegt, wie sich die beiden letztendlich doch etwas näher kommen, sind in sehr feiner Sprache, sehr diffizil beschrieben.

Alles in allem - für mich - ein Meisterwerk in literarischem Sinne. -
Es ist alles da, ein sehr spannender Handlungsstrang, gewürzt mit fein hinterfragenden Gedanken, Gefühlen. - - - In einer mir sehr zusagenden Sprache geschrieben, die nicht auf Witz verzichtet, eine unglaubliche Beobachtungsgabe vorweisend…..

Eine Autorin, deren Bücher ich ganz sicher lesen werde. Wenn ihre folgenden oder vorhergehenden Bücher das halten, was dieser Roman verspricht, dann ist mir ein literarisches Erlebnis/Vergnügen beim Lesen garantiert.