Grjasnowa Olga
Der Russe ist einer der Birken liebt

Meine Zusammenfassung:
Voran gestellt ist ein Vers von Anton Tschechow:
"Werschinin: Wie können Sie nur! Hier ist ein gesundes, slawisches Klima. Wald und Fluss…..und dann gibt es auch Birken. Die lieben, bescheidenen Birken, ich liebe sie mehr als sonst alle Bäume. Gut ist es, hier zu leben. Seltsam bloß, dass der Bahnhof zwanzig Werst vor der Stadt liegt….Und keiner weiß, warum das so ist."

Teil, 1. Kapitel:
Die Protagonistin, Mascha, beschreibt, wie sie morgens aufwacht, eigentlich weiterschlafen möchte. Von draußen hörte sie das Lachen der Gemüseverkäufer und das Rattern der Straßenbahn. Sie leben in einem Stadtteil in Frankfurt(Main), wo viele Ausländer leben, nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof. Ihre Wohnung ist heruntergekommen, aber billig. Elias, ihr Freund, liegt neben ihr im Bett. Von der Straße ist zu hören, als ein Betrunkener schreit: "Abgewichste Bullenschwuchtel, ich bring dich um!" - Obstverkäufer spuckten ihre Sonnenblumenkerne auf die Straße und lachten ihn aus. -
Sie beschreibt ihr Leben mit Elias, Elischa von ihr zärtlich genannt. Sie ist immigriert aus Aserbaidschan, ist Jüdin, er ist Deutscher, hat aber auch andere Herkunft.
Immer wieder, während sie sich lieben, ihr Essen zubereiten, kommen ihre Erinnerungen….
"Es gab ein Kind, und es gab einen Vater. Der Vater wollte das Kind in Sicherheit bringen. Bis zu Großmutters Wohnung mussten sie zehn Minuten lang laufen. Das Kind war noch keine sieben und spürte, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte, aber es hätte nicht sagen können, was. Daran dachte das Kind, als eine Frau neben ihm aufschlug. Das Blut rann langsam bis zu den Kinderschuhen, und die Schuhspitzen des Kindes färbten sich rot. Das Blut war warm, und die Frau war jünger, als ich es heute bin. - Das Kind wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und Blut blieb an seiner Wange. Es hätte schlimmer kommen können, sagte die Großmutter am späten Abend, während sie die Blutkruste von den Kinderschuhen abwusch."
Weiter beschreibt sie dann in Kapitel VI, dass sie offiziell zum Kontingent jüdischer Flüchtlinge gehörten. Aber ihre Auswanderung hatte nichts damit zu tun, sondern mit Bergkarabach. Sie beschreibt dann, wie 1987 in Armenien die Eingliederung von Bergkarabach angestrebt wurde mit dem Ziel, sie in die armenische Sowjetrepublik zu integrieren. 1988 trat das Gebiet Bergkarabach aus der damaligen Aserbaidschanischen Sowjetrepublik aus. Die ersten Aserbaidschaner mussten fliehen. Jetzt begann eine Vertreibung, Flucht von Armeniern aus Aserbaidschan, von Aserbaidschanern aus Armenien, mal ganz knapp zusammengefasst.
Dabei war auf Anhieb gar nicht zu erkennen, wer wohin gehörte, weil alle beide Sprachen sprachen und auch gleich aussahen. Ein übles Abschlachten von Menschen fand auf den Straßen statt. Es wurde vergewaltigt, erniedrigt, ermordet.
Ein schwerer Einschnitt bei der Protagonistin ist der Tod ihres Lebensgefährten, mit dem sie zusammenwohnt. Er hatte sich eine Verletzung zugezogen und ist daran zuhause gestorben, Mascha war dabei, fühlt sich schuldig, weil sie nicht schnell genug Notarzt gerufen hat.
Und immer wieder, während der ganzen Geschichten, kommen Gedankenfetzen von Mascha, wo sie sich erinnert an ihre Vergangenheit, die Vergangenheit ihrer Familie in Aserbaidschan. Traumatische Erlebnisse, die sie ihr Leben lang verfolgen.
Es kommen dann einige Erlebnisse mit ihren Freunden, da ist Sami, während des Bürgerkriegs in Beirut geboren, sein Vater Schweizer, der Filialleiter in einer Bank in Beirut gewesen war, dann Italiener, später nach Paris versetzt, wurde dann Franzose. Französisch war die Muttersprache von Sami. Später zogen sie nach Frankfurt. Sami sprach auch arabisch. Seine Mutter war libanesischer Abstammung. Mit Sami hatte sie vor ihrem Verhältnis mit Elias ein Verhältnis.
Und da ist auch Cem, ein Deutscher mit türkischer Abstammung. Sein Vater lebte seit 42 Jahren in Deutschland und erfuhr erst jetzt, dass er Muslim war. Er möchte in der Türkei Immobilie kaufen und will Deutschland verlassen.
Es gibt viele Begebenheiten und Begegnungen mit rassistischem Hintergrund.
Sie sprechen über Israel, wo grade wieder Berichte in den Medien kommen von kriegerischen Aktivitäten zwischen Palästinensern und Israelis. - Sie sind nicht immer einer Meinung.

Es ist nicht immer einfach, der Geschichte zu folgen; pausenlos wird gewechselt zwischen längst Vergangenem, kürzlich Vergangenem, Rückblicken, Episoden.
Ortswechsel: Sie landet auf dem Ben-Gurion-Flughafen in TelAviv. Sie hat eine Stelle als Dolmetscherin/Übersetzerin von einer deutschen Institution in Israel bekommen. Es ist noch unklar für wie lange. Dieser Teil der Geschichte nimmt dann den ganzen zweiten Teil des Buches in Anspruch. Ihre Arbeitsbedingungen, das Umfeld, alles für mich total anders als hier in Mitteleuropa. Eine seltsame Begebenheit, als die Leute an der Zollkontrolle ihr Laptop untersuchen, die arabischen Schriftzeichen auf der Tastatur sehen, und dann den Laptop mitnehmen. Sie wird es nie wieder bekommen, es explodiert irgendwo dort in dem Gelände.
Ich greife jetzt mal einfach einen ihrer zahlreichen Kontakte dort auf. Sie hat ein Mädchen, Tal, kennen gelernt. Tal ist eine Aktivistin, Kommunistin, Feministin. Ein kompliziertes Mädchen, wie Mascha (Maria) bemerkt. - Ja, das ist sie, wenn wir einen Teil ihres Lebensweges erfahren. Tal war Mitglied der Hadash der Arabisch-israelischen Kommunistischen Partei, und sie war bei Breaking the Silence und Anarchists Argainst The Wall. Sie verbrachte ihre meiste Zeit mit Demonstrationen oder politischen Meetings. Bei einer Eliteeinheit hatte sie ihren Militärdienst absolviert und war in den besetzten Gebieten stationiert. Bis sie eines Tages dort bei dem Oberst kundtat, sie würde lieber ihren restlichen Militärdienst im Gefängnis verbringen, als auch nur noch einen Tag in der Armee zu dienen. - Dann wurde sie in die Armee-Konditorei gesteckt. Auch dort wollte sie wieder weg. "Ich will nach Hause" - erklärte sie lapidar dem Chef. Sie wurde dann wegen ideologischer Probleme aus der Armee entlassen. Sie verließ Israel, hielt sich dann in Thailand und Vietnam, Indien auf, probierte alle Drogen aus, wurde dort von der israelischen Seelenfürsorge aufgegriffen und auf Entzug gesetzt, nach Israel zurückverfrachtet. Hier trat sie dann der Breaking the Silence bei, einer Organisation, die Soldaten dazu ermuntern sollte, über die Situation in den besetzten Gebieten zu sprechen.
Sie erzählt noch sehr viel mehr, würde aber den Rahmen sprengen, alles aufzuführen

Sie kommt oft zu allen möglichen Zeiten zu Mascha, besucht sie auch in ihrem Büro. Es ist von ihren zwei Perserkatzen zu erfahren, die Mascha öfter mal betreuen soll. Auch ganz am Ende, als mit Tal……….. - aber das lasse ich jetzt aus, ist eine eigene Geschichte.
Als Mascha in einem Café sitzt, kommt plötzlich Daniel (ein Bekannter aus Deutschland) daher, mit einem Rucksack, gerötetem Gesicht, mit der Bemerkung, er hätte gewusst sie würde irgendwann hier landen… Er war grade aus dem Libanon gekommen, und will sich mal in Israel umsehen. Er meint dann bei einer Unterhaltung, dass sie irgendwie Recht gehabt hätte, denn was Israel jetzt macht, sei wirklich nicht in Ordnung. Grade jetzt wäre es eine schöne Geste, die besetzten Gebiete zurückzugeben, meint er. Da sind sie sich nicht so ganz einig, es gibt eine hitzige Diskussion. Und es wird wieder mal sehr klar, wie schwierig in Israel einfach alles ist. Die verfahrende Situation mit Palästina z.b. - und und und. Am Ende meint er: "…..die haben mir erzählt, dass sie Juden hassen. Ihnen den Tod wünschen. Aber ich habe sie berichtigt. Habe ihnen gesagt, dass es falsch ist, die Juden zu hassen. Dass man sie nicht über einen Kamm scheren dürfe. Das waren ja noch Kinder. Sechs-, Siebenjährige und so. Ich meinte zu ihnen, dass nicht die Juden schuld sind. Die Israelis, die könnten sie ruhig hassen." ……..
Sie geht nachhause, trinkt erstmal einen doppelten Wodka, und ruft dann Cem an…. - Und er kommt nach TelAviv.

Ihr Job war sehr unbefriedigend, und sie wird zu ihrem Chef vorgeladen. Sie denkt, er wird sie feuern… setzt sich ihm gegenüber und er beginnt: "Mascha, in der letzten Zeit hatten wir nicht so viel zu tun, das liegt zum einen an der eher ruhigen politischen Lage, zum anderen aber auch an den gravierenden Budgetkürzungen. Und du bist erst seit kurzem bei uns. …. Ich werde dir mal was über Hierarchien erzählen. Du weißt, ich bin dein Chef, und deswegen solltest du grundsätzlich das tun, was ich dir sage. Ich habe nicht unbedingt das Gefühl, dass du das bereits verinnerlicht hast. Weißt du, ich habe auch einen Chef, und mein Chef hat auch einen Chef." er zeigt mit dem Zeigefinger auf ein Bild der Bundeskanzlerin an der Wand - - "Ich mag diesen Chef nicht unbedingt. Möchte ich vielleicht von einer Ostdeutschen regiert werden? Kann ich überhaupt etwas mit Ostdeutschland anfangen? - Neue Bundesländer, dass ich nicht lache. Aber. Ich tue, was man mir sagt, und zahle meine Steuern. Verstehst du mich?" Sie nickt. - "Nächste Woche kommt unser neuer Vorgesetzter aus Berlin. Du weißt, unser Stand in Berlin ist nicht besonders gut, das meiste Geld geht mittlerweile an unsere Büros im arabischen Raum. Die Stiftungen, die in Israel tätig sind, bekommen immer weniger. Das ist nun mal der allgemeine Trend." Sie nickt. - und er erzählt weiter, dass sein Vorgesetzter demnächst einreist und seine Ehefrau mitbringt. Kurzum: Mascha soll sich um sie kümmern. Ihr Einwand, sie spreche kein Hebräisch, lässt er nicht gelten, er hat sie sprechen gehört, sie soll sich nicht so anstellen….Was denn ihre Aufgabe sei fragt sie. Sie soll mit dieser Frau über den Markt gehen, ihr beim Shopping zur Seite stehen…. Und das soll jetzt eine Aufgabe für Mascha sein….. Dann kommen lapidare Szenen aus dieser Begegnung mit dieser Frau, in der Stadt, beim Einkaufen…. …

Mascha lernt dann einen Mann kennen, in den sie sich verliebt, Ismael. Aus einer Unterhaltung mit ihm: "An was glaubst du" fragte er. ‚an nichts' - ‚Gott?' - - ‚nein' - ‚Kultur?' - ‚auch nicht' - ‚Nation?' - ‚auch nicht' -. ‚Weißt du, in meiner Kindheit gab es einen gepackten Koffer zu Hause, für den Fall der Fälle, In unserem Fall war es die ehemalige Aktentasche meines Großvaters, und darin waren frische Unterhosen, Familienfotos, Silberlöffel und Goldkronen, das Kapital, sie sie unter dem kommunistischen Regime akkumulieren konnten. Die Armenier waren schon lange aus der Stadt fortgejagt worden, und nicht wenige von ihnen wurden exekutiert. Meine Oma, die Shoah…. ‚ - ‚oh, Anspielungen'. -------"

Sie ist unterwegs nach Jenin, einem Gebiet wo im Krieg die Gewalt geherrscht hat. - Sie erfährt von Attentaten der Hamas. -und und und. Dann ist sie bei Haifa, einer Schwester Ismaels. Sie machen sich fertig zu einem Treffen, und Haifa rät ihr, nicht zu sagen, dass sie eine Friedensaktivistin ist - Warum fragt sie. - - ‚naja. Wir haben langsam genug vom Frieden. Wir wollen Rechte und einen Staat. Der Friedensprozess hat versagt, und wir wollen keine Normalisierung." - !! - -
Am Ende gibt es dann ein Durcheinander, wo einmal Mascha bei einem Angriff verletzt wird, dann weiß sie nicht mehr wo sie ist, läuft aus dem Lager, sie kann Sam anrufen. Er: "Mach keinen Scheiß, Sag mir sofort wo du bist." - "ich versuchte normal zu klingen - ‚ich weiß es nicht' - ‚bist du in TelAviv?' - - ‚Palästina. Ich stehe mitten in einem Feld. Die Sonne geht unter. - er: ‚ich nehme den nächsten Flug, ich bin morgen früh da'- - ‚Sami, ich verliere Blut' -

"Elischa (Elias, längst tot, von mir vermerkt) reicht mir ein Taschentuch. Ich halte es an meine Nase und lehne den Kopf zurück. ‚Du musst den Kopf hochhalten. Sonst hört die Blutung nicht auf'. - ‚höher' sagt Elischa - ‚ja, genau so'. Ich hake mich bei Elischa unter, und wir gehen eine Weile nebeneinander her. Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell." - - - - - Ende -.

 

 

 

 

Die Autorin:

"Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku, Aserbeidschan geboren und wuchs im Kaukasus auf.

Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel. Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig.

2010 bekam sie den Dramatikerpreis der Wiener Wortstätten für ihr Debütstück "Das bisschen Palästina". 2011 erhielt sie das Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung, 2012 wurde sie mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals ausgezeichnet."

 

Beschreibung der Redaktion:

Mascha ist jung und eigenwillig, sie ist Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin.

Als Immigrantin musste sie in Deutschland früh die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend und ein paar weitere so "wie die Ballermann-Touristen Deutsch".

Sie plant gerade ihre Karriere bei der UNO, als ihr Freund Elias schwer krank wird. Verzweifelt flieht sie nach Israel und wird schließlich von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt.

Mit perfekter Ausgewogenheit von Tragik und Komik und mit einem bemerkenswerten Sinn für das Wesentliche erzählt Olga Grjasnowa die Geschichte einer Generation, die keine Grenzen kennt, aber auch keine Heimat hat.

 

Buchdaten:

ISBN-9783423142465
EAN: 9783446238541 Erscheinungstermin: 06.02.2012
Verlag: Hanser
Sprache: Deutsch
Seiten: 283

Abschlussbemerkung:
Alles was damals in dieser Gegend (Aserbaidschan) geschah, drang nur in Fetzen mal zu uns, in kurzen Nachrichten in den Medien. Für mich war es auch total neu; vor allem die Einzelheiten. Aber als Mascha dann in Israel und Palästina ist, dann wird es sehr konfus und durcheinander. Jetzt mischt sich nicht nur Reales, sondern ihre erste Vergangenheit (in Aserbaidschan), wie auch ihre anschließende Vergangenheit in Frankfurt mit Elias, werden sehr häufig vermischt. Interessant, um noch mal auf ihre Unterhaltung mit Ismael zurückzukommen; "……….'du siehst gar nicht wie eine Deutsche aus.' - ‚Wie sehen Deutsche aus?' - fragt sie ihn. ‚Keine Ahnung' - ‚und Russen, wie sehen die aus?' frage ich ihn. ‚ - Er zuckte mit den Schultern, sagte: ‚Wie Leute die Birken lieben'."

Für mich kommt diese Stelle als eine der Hauptaussagen dieser Geschichte in Frage; diese zahllosen Geschichten, mit Protagonisten aus allen möglichen Ländern, wo es um Kriege, Hass, Verletzungen, aber auch um (verbotene) Lieben geht zeigen das sehr gut, wenn auch sehr kompliziert und komplex auf. (Vorurteile!)

Meine Zusammenfassung ist mir sehr schwer gefallen. Weil es kein einfaches Buch ist. Und auszusuchen, was ich erwähne, was ich weglasse, fiel mir unglaublich schwer. Ganz einfach, weil alles so wichtig ist, und merkenswert. Um alles zu erfassen, zu begreifen, was die Autorin mit ihrem Buch aussagen will, muss man wirklich das ganze Buch lesen. - Und das geht nicht schnell. Immer wieder muss der Leser innehalten, wieder zurückschlagen, noch mal lesen. Sortieren, in welcher Zeit das grade Gelesene eigentlich spielt, und auch wo.

Dennoch, eine sehr interessante, hoch informative, lehrreiche Geschichte, die sehr spannend erzählt wird.