Jan Guillou
Die Brüder

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Meine Zusammenfassung:
Wir sind Anfang des 20. Jahrhunderts, 1901, Sverre und Albie sind unterwegs in England, wo Albies Familie ein hochherrschaftliches Anwesen hat, was aber Sverre noch nicht weiß. Und Albie ist etwas bange, wie Sverre darauf reagiert..
Sie kommen aus Dresden, wo die 3 Brüder Lauritzen Ingenieurwesen studiert hatten. Die Lauritzens kamen aus Norwegen. Aus armen Verhältnissen stammend, bekamen sie diese Möglichkeit, aber mit der Erwartung, dann nach Norwegen zurückzukehren und ihr Wissen dort in den Bau von zu errichtenden Eisenbahn, Straßen, Brücken usw. einzusetzen.
Während der eine Bruder, Lauritz, dem auch folgte und nach Norwegen zurückgegangen war, seine Pflicht erfüllte, aber wohlhabend wurde und Familie gegründet hatte, zog es den anderen Bruder nach Afrika. Und Sverre eben, der im Studium Albie, einen Engländer, kennengelernt hatte, hatte sich entschlossen mit Sverre sein weiteres Leben zu teilen und mit ihm in seine Heimat England zu reisen, um dann dort mit ihm zu leben.
Während Albie ein Fachmann war für Motorenbau usw. - war Sverre mehr ein Planer, also mehr zur Architektur gehörend. ABER er hatte eine künstlerische Begabung in den bildenden Künsten.
Es werden zahlreiche, ganz spezifische, fachliche Einzelheiten erwähnt, die aber alle sehr interessant sind, auch für Laien. Über das Leben zu dieser Zeit in Dresden, dem Studentenleben ja, ist auch sehr viel zu erfahren.
Aber zurück zur Fahrt zum Anwesen von Albie. - Sorgenvoll blickt er dem Augenblick entgegen, wenn Sverre erkennt, welches hochherrschaftliches Anwesen der Familie von Sverre gehört. - zwar betreibt die Familie auch Landwirtschaft, aber Sverre hatte immer gedacht, sie wären halt Bauern, Farmer usw. - - - Und Albie hatte sich nie näher darüber geäußert.
Was dann zu sehen ist, ist ein Schloss, inmitten eines riesigen Parks…. Gut, es geht gut aus, bzw. Sverre kommt mit Albie dann schon klar, obwohl da doch schon einiges da ist, das Sverre zu denken gibt… Alleine diese ganzen Angestellten, Butler, Personal und alles, das sich ehrerbietig zur Ankunft des jungen Earls vor dem Schloss aufgestellt hat. Albie hat den Titel, bzw. er bekam ihn vererbt, und er kann ihn an einen Sohn weiter vererben. Sollte kein Sohn da sein, geht der Titel mit dem gesamten immensen Besitz an einen anderen männlichen Verwandten über.
Aber soweit sind wir ja noch lange nicht. Dass Albie und Sverre nicht nur Freunde sind, weiß niemand. - Und es ist relativ leicht zu verbergen, sie beziehen die sogenannte "Ingenieursvilla" in der Nähe des Schlosses. Ganz für sich alleine, mit Personal, das aber nicht immer anwesend ist. Sie können dort unbeschwert und unbehelligt leben und arbeiten.
Es ist durchaus üblich, dass homosexuelle Männer (die damals allerdings nicht so genannt wurden) sich verheirateten, auch Kinder zeugten, aber im privaten eben ihre Männerlieben pflegten. So auch der Prince of Wales, oder der Schriftsteller Oscar Wilde, nur um mal zwei herauszugreifen.

Albie hat zwei Schwestern, die jüngere ist sehr angepasst, verheiratet sich später auch. Die Ehe war mehr oder weniger arrangiert, und ihr Zukünftiger lebt in Afrika, in einer der damaligen Kolonien von England.
Die ältere Schwester, Margie hingegen ist ganz anders, und bald auch die Verbündete von Sverre und Albie, sie weiß alles, und verkehrt in Künstlerkreisen, wo ein lockeres, modernes Leben gepflegt wird. In diesen Kreis werden auch Sverre und Albie aufgenommen.
Es ist dann auch die Zeit der Suffragetten, es gibt Verhaftungen, und auch so bekannte wie Oscar Wilde werden wegen ihrer Homosexualität angeklagt, verurteilt zu Zuchthaus.

Interessant war ja am Anfang, als Sverre von der Neuen Zeit schwärmte, die die modernste, erfolgreichste, vor allem in technischen Dingen, zu werden versprach. Es waren große Erfindungen gemacht worden, es gab bereits Motoren, aber noch ziemlich unausgegoren, aber der Anfang war gemacht. - - Das Industriezeitalter hatte begonnen! Und dass ein Krieg mit solchen neuen Errungenschaften gar nicht mehr möglich wäre….

Bereits auf der Zugfahrt besprachen Sverre und Albie, wie es möglich wäre, aus diesen stinkenden, holprigen Zügen was neues zu machen, was nicht so stinkt, wo nicht alle Reisenden in Rauchwolken versanken, wo nicht ein pausenloses Rumpeln sein würde. Sie entwarfen schon - und wusste in etwa, was da zu tun wäre. (mal ganz unfachmännisch von mir ausgedrückt). Interessant auch in diesem Zusammenhang, dass sie mit dem Deutschen Motorenerfinder Diesel später Kontakt aufnahmen, wo es nicht nur um Motoren für den Zug ging, sondern auch um die Entwicklung eines leistungsfähigen Traktors.

Jetzt wird sehr ausführlich der weitere Lebensweg, insbesondere von Sverre und Albie beschrieben, aber auch der Schwestern. Und einen großen Raum nimmt die Zeit von Sverre und Albie und der älteren Schwester (Margie) in dieser von mir mal so genannten Künstlerkolonie in Bloomsbury ein. Sverre hat inzwischen seine Begabung, das Malen, weiter ausgebaut und malt zahlreiche Bilder. U.a. soll er dann auch die beiden Schwestern malen.
Interessant die Beschreibungen und Gedanken von Sverre, was er in ein Bild hineinlegen will, was es aussagen soll - und vor allem auch - was ‚Nichtwissende' nicht sehen sollen. So malt er auch Albie, so wie er ihn sieht, aber mit den Augen des Liebenden, und dieses Bild zeigt er niemanden. Für die Familie malt er dann eins von Albie, wo nicht zu erkennen ist welche Verbindung zum Maler besteht.

Albie ist öfter längere Zeit unterwegs, und währenddessen liest Sverre das ihm von Albie überlassene Tagebuch, bzw. Aufzeichnungen. Und ist teilweise schon sehr erstaunt, und er erfährt vieles, was er so von Albie nicht gehört hatte. Da zitiert z.b. Albie in einem Abschnitt, wo es um die Verurteilung Oscar Wildes geht, wo es um den Hass, die Schadenfreude und den Irrsinn geht, der in der Londoner Presse zum Ausdruck kommt. Oscar Wilde wird als Ausländer (er war ja Ire) beschimpft, aber auch als Fürsprecher der ‚degenerierten' französischen Kultur bezeichnet. - die von Wilde favorisierte impressionistische Kunst wurde als ‚lasterhafte' Eigenschaft bezeichnet.
Sverre ist immer mehr erschüttert, als er solche Zeilen liest:
"Sverre musste das Ganze noch einmal lesen, weil er glaubt sich verlesen zu haben. Èdouard Manet, Paul Cézanne, Auguste Renoir, Edgar Degas und Claude Monet wurden kollektiv verdammt. -

Wer sich erdreistete, die größten Künstler der Gegenwart zu bewundern, beging laut Londoner Presse Landesverrat. Und zwar verriet er nicht nur England, sondern, was noch schlimmer war, das gesamte British Empire." !!
(Später wurden dann die meisten Kunstwerke der Impressionisten verbrannt!) Zu diesem Artikel sind dann noch zahlreiche andere, haarsträubende Einzelheiten aufgeführt.
Um noch einige Schriftsteller zu nennen, die ebenfalls als gefährliche Schwerverbrecher bezeichnet wurden, werden dann aufgezählt, zu Oscar Wilde kamen noch hinzu: Ibsen, Kirkegaard, Baudelaire, Paul Verlaine, Stéphane Mallarmé und Edmond de Goncourt oder auch englischsprachige wie Byron, Keats, Shelley und Poe.

Später dann noch was Interessantes bei einem Gespräch von Albie mit Lytton, einem Phlisophen, als er Sverre und Albie als ‚Urninge' bezeichnet. - Das ist ein drittes Geschlecht, das zu den sexuellen Zwischenstufen, derer es zwei gab, gerechnet wurde, eben die Urninge. !!!
Aber ich kann und will jetzt gar nicht mehr so viel über den Inhalt erzählen, der unglaublich vielfältig ist und nicht nur Homosexualität zum Thema hat, sondern die vielen anderen Themen, wie z.b. auch Kolonialisierung der Engländer und anderer Europäer sind Thema. Sverre und Albie reisen dann ja mit nach Afrika, zur Hochzeit der jüngeren Schwester von Albie. -
Da das Reisen für die beiden Liebenden sehr schwierig ist, über längeren Zeitraum (eine Reise damals nach Afrika nahm ja Wochen in Anspruch) - trat Sverre dann als Verlobter von Margie auf.

Sie verbringen dann viele Monate in Afrika, alles sehr interessant erzählt, auch wieder mit tausend Einzelheiten, wie diese ‚Herren' in Afrika hausten und die Bevölkerung ausnutzten und und und -

Großer Sprung, sie sind wieder zurück, Der Krieg beginnt - 1914. Mit vielen Schilderungen, die ich jetzt großzügig überspringen will. Letztendlich kommt Albie, zwar als Offizier, zur Armee ins Ausland. Sverre und Albie sind nun getrennt. - Schwierig dabei, sie können nicht korrespondieren wie sie gerne wollten, die ganze Briefpost wird zensiert. - Und der kleinste Hinweis auf diese Liebesbeziehung zwischen beiden würde den Tod bedeuten…. Die Briefe verschlüsseln sie dann, wo der eine in etwa denken kann, was gemeint ist. Sehr schwierige Zeit.
Und wie das alles ausgeht, das lasse ich jetzt mal offen. Ganz am Ende, der Krieg 14/18 ist längst vorbei, treffen sich die drei Brüder Lauritzen in Berlin. - Mehr nicht von mir über den wirklich umfangreichen Inhalt dieses großartigen Buchs.

 

 

Autor

"Jan Guillou wurde 1944 im schwedischen Södertälje geboren und ist einer der prominentesten Autoren seines Landes.

Seine preisgekrönten Kriminalromane um den Helden Coq Rouge erreichten Millionenauflagen. Auch mit seiner historischen Romansaga um den Kreuzritter Arn gelang ihm ein Millionenseller, die Verfilmungen zählen in Schweden zu den erfolgreichsten aller Zeiten.

Heute lebt Jan Guillou in Stockholm."

 

 

 

 

Beschreibung der Redaktion: "Das große Jahrhundertabenteuer geht weiter Der Verrat an seinen Brüdern wiegt schwer, doch Sverre, der jüngste der drei Brückenbauer, wird ihnen nicht nach Norwegen folgen. So sehr er sich auch wünscht, am ehrgeizigsten Ingenieursprojekt des Landes mitzuwirken, die Liebe ist stärker. Sverre folgt seinem Studienkollegen Albert nach England. Hier führen die beiden das wilde Leben der Boheme. Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer. Die Brüder Lauritzen aus Bergen im Westen Norwegens kommen aus einfachen Verhältnissen, doch ein Zufall will es, dass sie am Polytechnikum in Dresden, der renommiertesten technischen Universität jener Zeit, ein Ingenieursstudium absolvieren können. Nach Abschluss des Studiums wartet in Norwegen eines der größten Bauprojekte des Landes auf sie der spektakuläre Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen Bergen und Oslo. Doch in der Nacht vor der Abreise aus Dresden verschwindet Sverre, der jüngste der drei Brüder. Er hat sich in seinen Studienfreund Graf Albert Manningham verliebt und folgt diesem nach London. Auf dem Familiensitz der Manninghams führen die beiden fortan ein unbeschwertes Leben. Sie widmen sich der Kunst, Musik und Literatur und nehmen an allen bahnbrechenden kulturellen Entwicklungen des beginnenden 20. Jahrhunderts teil. Die weltpolitischen Ereignisse aber werfen ihren Schatten auf das junge Glück, und plötzlich steht Sverre allein da."

 

 

 

Buchdaten
ISBN-10:3-453-26840-7
EAN: 9783453268401 Erscheinungstermin: 30.09.2013
Verlag: Heyne
Einband: gebunden Originaltitel Dandy
Sprache: Deutsch
Seiten: 432
Übersetzer: Holger Wolandt
und Lotta Rüegger

Abschlussbemerkung:
Insgesamt ein sehr umfassendes Werk! - Aber wunderbar zu lesen, aber ich greife vor.

Interessant die Einwürfe über Oscar Wilde, Prince of Wales und andere, die damals wegen ihrer Homosexualität im Zuchthaus landeten. Und vor allem dann die Bekanntmachung von Oscar Wilde.
Unter anderen dann ein Satz, der dann oft genannt wird: "Liebe die ihren Namen nicht zu nennen wagt."

Es ist ein riesiges Familienepos, wobei sich für mich immer im Vordergrund die Homosexualität befand, aber auch die in England verbreitete Ansicht über die damalige bildende Kunst, die Literatur usw.

Ich wusste schon, dass die Verdammung der Homosexualität eine lange Geschichte hat; aber dass sie derart grausame Auswüchse Anfang des 20. Jahrhunderts barg, erstaunte mich schon sehr.

Besonders eingegangen wird z.B. auch auf diese Liebe unter Männern oder Liebe unter Frauen. - Von der Allgemeinheit damals, wie teilweise sogar noch heute als rein sexuelle ‚Abart' gesehen, enthält sie weitaus mehr, bzw. alles was auch eine Liebe unter Mann und Frau ausmacht. - Und ist und war niemals auf reine Sexualität ausgerichtet. Vor allem niemals bei frei gewählten Partnern.
Dass es zur Zeit der alten Griechen anders war, besagt wenig, zu der Zeit damals wurden alle Kinder, ob Jungen oder Mädchen, oder auch Frauen, sexuell missbraucht. Dieses ist hoch interessant, und zwar für ALLE!

Es war ein sehr spannendes Leseerlebnis, gespickt mit unglaublich viel Informationen. Das ist kein Buch, das man auf die Schnelle lesen kann. Nicht nur wegen der 432 Seiten (die weitaus mehr aussagen als diese Zahl andeutet), sondern weil über so vieles nachgedacht werden muss.