Franziska Häny
Der Rote Norden

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Meine Zusammenfassung:
So fängt das Buch an:
"Zusammengeknüllt, wie damals als Fötus. Aber ich schaffe es nicht, den Kopf auf die Knie zu legen, weil mein Bauch zu dick ist Ich bin überall zu dick. Überall. - Überall Tränen. Alles ist nass. Wenigstens kann ich meine Knie halten. Wenigstens das. Ich weine so sehr, ich weiß nur eines, ich möchte sterben. - Das Telefon. Ich höre es erst jetzt. Die Beine loslassen und ganz vorsichtig auf den Boden setzen. Die Nummer? Es ist alles verschwommen, auch wenn ich den Hörer ganz nah vor die Augen halte. Die Nummer……ich sollte sie kennen. - Martin!"

Und so führt sie dann das Telefongespräch mit Martin, ihrem verstorbenen Bruder. Sie erzählt von diesem Bild über ihrem Sofa, das heruntergefallen ist, und jetzt auf dem Sofa steht. Es war eine Fotografie, die sie selbst mal vor vielen Jahren gemacht hatte.
Jetzt sieht sie sich selbst, steht quasi neben sich und beschreibt sich, wie sie da am Telefon sitzt und telefoniert. Jetzt will sie auflegen, aber Martin bittet sie, nicht aufzuhängen und sagt, sie solle zum Begräbnis von Tante Sophie kommen. Die Feier ist morgen um drei Uhr in der St. Jakobskirche in Schieren.-- - Dann ist der Hörer wieder in seiner Halterung.
Sie betrachtet ihre Hände, die sie hin und her wendet. Sie erinnert sich, und zwar wie dieses Foto damals entstanden war. Es zeigt einen Delphin, aufgenommen von einem Schiff auf dem Mittelmeer aus. Es war eine Reise gewesen, die sie gleich nach der Matura gemacht hatte, ohne Kaspar. Dieses Foto hatte dann ihr Bruder Martin auf ihren Wunsch hin gerahmt und sie hatte es ins Wohnzimmer über das Sofa gehängt. Danach gab es nur noch Reisen mit Kaspar.
Warum tut es so weh dass ein Foto kaputt geht, nach zwanzig Jahren? Ihre Hände sind jetzt ruhig, sie starrt auf die starren Finger und sagt laut "Wenn das fertig ist, fahre ich weg". Dann lässt sie die Hände auf den Rock sinken. Sie weint immer noch. Jetzt denkt sie in der dritten Person über diese Person, die sie darstellt, sie selbst ist, nach.
Sie fährt weg…. Wohin? - das weiß sie nicht. Normal fährt sie mittwochs zum Einkaufen. Sie zweigt ab, kommt auf die Autobahn; sie denkt: ‚ich fahre nicht vorwärts, ich fahre weg!' Und sie fährt und fährt, immer weiter. Sie ist am nächsten Morgen erstaunt, dass sie in einem Hotelzimmer erwacht. Sie macht sich Notizen. "ich bin weggegangen" - darunter "warum?" - "Der Delphin" - - "Der Mann auf der Überführung" - und darunter. "Die Beerdigung". Ich halte mich jetzt nicht mit einer akribischen Aufzählung der ganzen Geschehnisse auf, mache also sehr große Sprünge.
Sie ist zu Besuch bei dieser alten Tante Sophie. (deren Beerdigung ja morgen, laut Martin sein soll). Und hier telefoniert sie wieder mit Martin. Sie soll in den ‚Roten Norden' fliegen, nach Imalo.


Sie fliegt dahin, mit einigen Zwischenlandungen, wo sie von oben die Wälder und Landschaften beobachten kann. Sie kommt an, denkt: ‚das ist also der rote Norden' von dessen Existenz sie bisher nichts gewusst hatte. - sie sieht rote Bäume mit rotem Laub.
Sie sitzt im Auto bei Martin. Sie beschreibt wieder Landschaften, tiefblaue Seen, blauer Himmel, den roten Wald.
Sie besuchen Museen, das zweite ist ein ‚konventionelles Museum' sagt Martin. Sie beschreibt das Museum von außen. Es ist ein fensterloser Kubus, aus rötlichem Stein… - - - Bei ihren Unterhaltungen mit Martin - "Es hängt vom Himmel ab, wie die See ist.." sagt sie vor sich hin. Martin: "…Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.." - sie: "es ist gut wenn man ein Gedicht zitieren darf und nicht deswegen ausgelacht wird. Ich habe seit mehr als dreißig Jahren keine Gedicht mehr zitiert." - und Martin: "Du meinst, es müsste heißen: Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Himmel - wenn es sich um einen See und nicht um einen Wasserfall handelt?" - - "ja" sagt sie. …….und wieder Martin: "Die Menschenseele reflektiert nicht nur, … sie ist auch etwas aus sich heraus…" Beim Besuch des zweiten Museums öffnen sie dann Türen, jede birgt eine Aussage. Und alles wird von Martin erklärt, aber nicht nur das, sondern sie selbst DARF sagen was sie sieht, was ihr gesagt wird.
Da geht es auch um einen Mann, der viele Tiere eingesperrt hält. Ein hochinteressantes Kapitel, das damit endet, dass sie diesen ‚x' genannten Mann aufsucht und sagt" "du musst die Tiere freilassen - alle!" ---- und dann, "Ohne aufzuschauen lacht er sein meckerndes Lachen, das ich seit so vielen Jahren kenne. - ‚Warum sollte ich das tun?' - ‚sag mir irgendeinen vernünftigen Grund, warum ich das tun soll' - - und hier sein rechthaberisches, überheblichen Verhalten ihr gegenüber… , er bemerkt dann schließlich, ‚alles was du hier siehst, ist vollständig legal.' Sie: "Es ist nicht moralisch" - "Es ist nicht christlich". - "Jetzt lacht er los. Er prustet und schnauft…….."
Die Geschichte birgt noch sehr viele Einzelheiten, meist philosophischen, vielsagenden Inhalts, und endet dann schließlich offen so: "Sophie, sagt er und berührt mit einer Hand kurz mein Haar: Das einzig Wichtige ist, dass du es geschafft hast.. - Hinter mir vernehme ich einen kleinen Ruck. Ich weiß, dass sich das Haupttor erneut geschlossen hat."

 

 

Autorin:

Franziska Häny, geboren 1950, lebt und arbeitet in Zürich. Der Rote Norden ist ihr literarisches Debüt.

 

 

 

 

Kurzbeschreibung des Verlags:
Es war einmal doch eines Mittwochabends ist nichts mehr so, wie es einmal war. Sophie verlässt ihren Mann und das gemeinsame Haus. Einfach so. Und dann begegnet sie plötzlich ihrer totgeglaubten Tante. Erhält einen Anruf ihres längst verstorbenen Bruders, Martin. Der sie einlädt, zu ihm zu kommen, in den Norden. Und Sophie fährt zu den Bäumen mit dem roten Laub. Zusammen mit Martin, der sie tatsächlich am Flughafen von Imalo abholt, stellt sich Sophie einer gefährlichen, fast unlösbaren Aufgabe. Franziska Hänys Roman ist ein so einfaches wie verrücktes Märchen, eine Geschichte voller Rätsel, die von der Reise einer Frau ins Herz ihrer Träume erzählt.

 

 

 

 

Buchdaten
ISBN-10:3-86337-029-5
EAN: 9783863370299 Erscheinungstermin: 25.02.2013
Verlag: Weissbooks
Einband: gebunden
Sprache: Deutsch
Seiten: 280

Abschlussbemerkung:
Ich fange mal mit dem Allgemeinen an, eine zauberhafte, phantastische Geschichte, und es ist beim ganzen Lesen immer zu beachten: es ist ein Traum, Imaginationen, Phantasien, verknüpft mit Personen die mal gelebt haben. Und wie immer in solchen traumhaften Geschichten ist es so erzählt und erlebt von der Protagonistin, dass es nicht wie ein Traum klingt, sondern real wirkt; und als Leser musste ich mich dann immer wieder erinnern, das ist Imagination, Wunschtraum….

Erst beim zweiten Überlesen fällt mir eine starte Ähnlichkeit mit einem Buch auf, wo es auch um eine Frau geht, die gar nicht sie selbst ist, sondern einfach nur ein Anhängsel an einem Ehemann, mehr im Schatten, ohne eigenen Willen oder eigene Lebensberechtigung im weitesten Sinn. Das ist das Buch: ‚Madeleine Bourdouxhe: Gilles' Frau' - Sehr ähnlich die Gefühle dieser beiden Frauen. Klar eine vollkommen andere Geschichte, mir geht es darum die Ähnlichkeit dieser beiden Frauen zu erkennen. Grade bei der Stelle wo es um dieses Gedicht und die Seele geht, ist gut zu erkennen, welche Erkenntnis ihr hier von Martin vermittelt werden soll. - Aber Martin ist ja imaginär, also müssen diese Gedanken von ihr selbst kommen!

Eine weitere Besonderheit sind die Landschaften, die sie beschreibt, anfangs alle in Rottönen, später werden die meisten Rottöne grau, verschwommener.

Ich habe mich ja immer gefragt, was denn dieser ‚Rote Norden' sein soll, wo er ist. Und wo soll sich der Flughafen Imalo befinden. Also es sind imaginäre Orte, der Phantasie entsprungen, dennoch verleiten sie immer wieder darüber zu grübeln, wo das sein könnte. Letztendlich ist es unwichtig. Es geht nicht um die Örtlichkeiten. Die Farbe Rot sagt etwas, und vor allem auch die spätere Färbung, wo das Rot mehr und mehr verschwindet und in Grau übergeht. Für mich ein wunderbar formulierter Aufschrei einer (der) unterdrückten Frau schlechthin.

Ich habe für mich ein Ende dieser Geschichte gefunden.
Und zwar würde ich sie so sehen: Nach dieser ‚Traumreise' ist Sophie fähig, aktiv zu werden, einen Schlussstrich unter ihre Ehe zu ziehen. - Was sich darin zeigt, als sie diesen ‚x' auffordert (nicht bittet!) - die Tiere freizulassen. Und ihre Seele hat ihr durch dieses Traumgeschehen dabei geholfen, ihr Leben zu ändern, dieses unerträgliche Verhalten ihres Mannes nicht länger zu ertragen.

Die Autorin hat hier alles in die Worte von Martin gelegt, das ja eigentlich von der Protagonistin gedacht wird. Und genau dieses Foto an der Wand, wo sich der Nagel gelöst hatte, war in meinen Augen (vermutlich auch in denen der Autorin) löste diese Wandlung von Sophie aus.

Aber: Jeder Leser kann sich ja den Schluss selbst denken, Das ist nur meine Version. Insgesamt, ein leicht zu lesendes Buch, trotz des oft philosophischen Inhalt, bzw. Teile davon. Das Schöne daran auch, es lädt zum Traumen ein!