Konrad Hansen
Die Kinder der Meerfrau

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Zum Inhalt:
Den kann ich wirklich nur ganz grob umreißen. Hauptprotagonisten sind die beiden Brüder Momme und Ties, und die aus den Fluten gekommene Frau, Lena.
Die Geschichte, dieser drei, Lena nennen sie die ‚Meerfrau' bestimmt den ersten Teil. Schnell ist klar, beide lieben Lena, und sie liebt auch beide. Es gibt keinerlei Probleme (übrigens während des ganzen Lebens dieser drei mit dieser Konstellation. Es gibt weder Eifersucht noch sonst irgend etwas, dass diese Ehe zu dritt beeinträchtigen könnte. Vom nahen Dorf werden sie, auch weil sie ja ‚Zugereiste' sind und diese seltsame Frau, Lena mit ihnen lebt, sehr misstrauisch beäugt….

Lena bekommt auch bald in Kind, das aber stirbt. - Wer der Vater ist, Momme oder Ties, interessiert die drei nicht. Lena bekommt dann noch drei weitere Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen. Aber um dem Pfarrer und dem Dorf irgendwie gerecht zu werden, lässt sich Lena mit Ties trauen, wo auch die drei Kinder getauft werden. Für die drei bedeutet das nichts, weiterhin sind beide Lenas Männer, und Lena ist die Frau von beiden. Punkt.

Bevor jetzt die Geschichte mit diesen Kindern beginnt, ist zuerstmal Momme Thema, der sich von Glückstadt aus auf einem Walfängerschiff bewirbt und auch schließlich mit fährt.
Weites Thema ist jetzt die Walfangpraxis, die Fahrt auf dem Meer bis Grönland. Es werden nicht nur Wale gefangen, bevor sie so einen tonnenschweren Fang machen können, erlegen sie auch tausende von Robben. Deren Felle sie dann bearbeiten und einlagern, auch ihr Fleisch wird gegessen, wenn es sonst nichts anderes gibt.

Die Grausamkeiten, nicht nur gegenüber den Meerestieren, sondern auch gegenüber der Mannschaft, innerhalb der Hierarchie so eines Walfängerschiffs, der Mannschaft untereinander sind unvorstellbar. Momme hat später sehr viel zu erzählen - im übrigen ist Momme auch der Geschichtenerzähler, der die die Leute sehr gut unterhalten kann.
Damals waren solche Geschichtenerzähler sehr begehrt, hatten die Leute doch sonst kaum Unterhaltung. In weiteren Kapiteln - es sind einige Jahre vergangen - werden dann die Lebenswege dieser drei Kinder von Lena, der Meerfrau (was dem Buch den Titel gibt) erzählt.

Da gibt es eine Tochter, wunderschön, die eine Liebelei mit dem Sohn eines Adligen hat, von ihm ein Kind bekommt, Felix - Aber es ist nicht möglich, dass diese beiden eine Ehe eingehen. Aber sie bekommt ein Haus für sich, die Mutter des Liebhabers ist ihr wohlgesonnen. Die andere Tochter heiratet später den Pastor des Dorfes.

Lena hatte, sie war ja eine sogenannte Heilerin, zwar als Hexe verschrien, aber dennoch von den meisten Frauen zu Hilfe gerufen, wenn sie Probleme hatten; so auch die Gräfin. - Sie musste unbedingt ein Kind bekommen, aber scheinbar war ihr Mann unfruchtbar. Über Lena, die ihr einen Mann beschaffte, der sie schwängerte, bekam sie schließlich diesen heiß ersehnten Jungen.

Felix ist ein Tausendsassa, sehr gut aussehend, ein Frauenverführer und genießt eine gute Ausbildung. - von ihm wird es später ein sehr umfangreiches Kapitel geben.

Der Sohn von Lena wird Maler. Er kommt mehr oder weniger durch Zufall an den Hof eines Adligen und sehr reichen Mannes, der auch in Übersee Ländereien hat. Zunächst malt er Portraits des Grafen, später bekommt er den Auftrag, mit der Delegation diese Insel im Pazifik zu besuchen, um dort zu malen, was er sieht. - Fotografien gab es damals ja nicht.

Jetzt beginnt die Schilderung - immer wieder unterbrochen von den Erlebnissen auf den Schiffen, aber auch den Zuständen nicht nur in Afrika, wo auch wieder diese Sklavenbeschaffer am Werk sind, sondern auch von den Insel im Karibik, wo die Sklaven dann hingebracht werden. Und das ist ein grauenhaftes Kapitel. -

Felix ist auch unterwegs, und zwar als Angestellter und Günstling eines Adligen und Ländereienbesitzers in Übersee. Er ist dort aber nicht als Maler, wie sein Onkel (das wird erst sehr viel später transparent) tätig, sondern als Vertreter seines Chef, des Landbesitzers und Grafen. Es folgen viele Schilderungen von Einzelschicksalen.
Nicht nur der Sklaven, sondern auch der sehr vielseitigen Geschäftemacher, ob Holländer, Dänen, Deutsche oder andere, die alle Besitzer von Plantagen sind. Die Geschäftsgebaren, die korrupten Machenschaften, aber vor allem der riesige Gewinn, der dadurch erzielt wird, Sklaven zu beschäftigen.

Der Umgang, die Situationen mit diesen Sklaven ist ein weites Kapitel. Und es ist nicht zu überbieten an Grausamkeiten. Alleine schon die ‚Verfrachtung' dieser Sklaven von Afrika aus, wo Einheimische einen regelrechten Sklavenhandel treiben. Diese afrikanischen Händler sind die Geschäftspartner dieser weißen Kolonialherren.
Alleine die Überfahrt ist ein Grauen non plus ultra. Da werden tausende von Menschen im Frachtraum ‚gelagert' - sie hausen dort in ihrem eigenen Kot, bekommen in Kübeln ihr ‚Fressen' einfach hineingeschüttet. - Verlust von einigen Hundert Sklaven ist normal, es schert sich keiner drum.

Wie es dann weiter geht, es ist schlicht alles unbeschreiblich. Die Versteigerung dann in den Häfen von karibischen Inseln, wo die Plantagen sind, die Arbeit dann dort. - Es ist vollkommen normal, ein Neger der versuchte abzuhauen, bekommt ein Bein abgehackt, macht er es nochmal noch ein Bein. - Nimmt er sich was, bekommt er einen Arm abgehackt, nochmal den zweiten. Spricht er schlecht über seine Herren, bekommt er die Lippen zugenäht, die Ohren abgeschnitten. und und und - das Grauen ist unvorstellbar.

Es geschehen noch sehr viele Dinge, betreffend diese Seefahrer, diese Grafenhöfe, aber auch immer wieder ist Thema das der Daheimgebliebenen. - Momme und Ties, und Lena.

Wie sich dann später einige Wege kreuzen, z.b. ist Felix und sein malender Onkel auf der gleichen Insel tätig. Nur trifft Felix seinen Onkel nicht mehr an, aber er sieht ihn dann, als er nicht mehr lebt, und bekommt von ihm - über die Freundin des Malers - diese Zeichnungen. - Er hat offiziell die Ländereien gemalt, aber in seinem ganz privaten Buch Zeichnungen gefertigt, die genau zeigen, was mit den Sklaven dort geschieht…..

Später, Felix hat Liebschaften, u.a. auch mit einer Mischlingsfrau, Kirsten, aber auch mit einer Adligentochter zuhause, die er eigentlich heiraten wollte, und die er auf dem Schiff kennengelernt hatte. Sie war eine Rebellin, wollte diese Sklavenschinderei beenden und arbeite nach ihren Kräften dafür. Felix war ihr behilflich. - - Nur war das nicht legitim, weil ihr Vater genau zu diesen Reichen gehörte, die große Gewinne aus den Sklaven erzielten….

Mehr dazu nicht, ich denke es ist genug, um sich ein Bild vom Inhalt zu machen.

 

 

Der Autor:
"Konrad Hansen, geb. 1933 in Kiel, Studium der Germanistik, Philosophie, Theologie und Volkswirtschaft, lebt heute bei Flensburg.

Er war Rundfunkredakteur, Reporter, Abteilungsleiter bei Radio Bremen und Intendant des Ohnsorg-Theaters in Hamburg.

Hansen schrieb Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und die Romane."

 

Verlagsbeschreibung:
"Eine große historische Familiensaga aus dem 18. Jahrhundert An einem stürmischen Tag im Jahre 1725 stranden zwei Brüder in einer Bucht an der Ostseeküste und siedeln sich dort gegen den gewaltsamen Widerstand der Einheimischen an. Wenig später retten sie eine rätselhafte Frau aus den Fluten. Aus ihrem Liebesverhältnis entsteht eine ungewöhnliche Familie, deren abenteuerlichen Schicksale bis in die Grönlandsee und auf die dänischen Zuckerrohrplantagen in der Karibik führen. Am Anfang der Familie Gregersen steht eine denkwürdige Dreiecksbeziehung. Ties und Momme, die so ungleichen wie unzertrennlichen Brüder, bewahren eine Frau vor dem Tod in der Brandung. Die "Meerfrau", wie sie Lena nennen, kann Mensch und Tier von Krankheiten heilen und besitzt die Gabe des Zweiten Gesichts. Die Vermutung, dass sie ihre übersinnlichen Fähigkeiten auch zum Schaden der Menschen verwenden kann, setzt sie dem Verdacht aus, eine Hexe zu sein. Sie lebt mit den Brüdern in einer von Eifersucht ungetrübten Ehe zu dritt und bringt vier Kinder zur Welt, von denen niemand weiß, ob sie von Ties oder Momme stammen. Die Lebenswege der Kinder geraten so unterschiedlich wie ihre Charaktere, führen auf einem Walfänger nach Grönland und auf einem dänischen Sklavenschiff zu den Jungferninseln in der Karibik. Konrad Hansens Roman breitet ein faszinierendes Panorama des 18. Jahrhunderts aus, erzählt lebendig vom rauhen Dasein an der Küste und auf dem Meer, vom Walfang, von Glücksrittern und kühl kalkulierenden Kaufleuten, vom Sklavenhandel und von dessen Profiteuren."

 

 

 

Buchdaten:

ISBN-10:3-455-40190-2 EAN:9783455401905 Erscheinungstermin: Juli 2009
Verlag: Hoffmann und Campe Einband:gebunden Sprache:Deutsch
Seiten:573

Meine abschließende Meinung:
Ich fange mal an, wie mein gesamter Eindruck war. -

Das Buch las sich von Anfang sehr, sehr spannend, sehr interessant, sehr informativ.
Und wer der irrigen Ansicht sein könnte, diese Geschichte dieser Walfänger sei langweilig, wird eines besseren belehrt werden, wenn er mal das Buch lesen würde. -

Und wer meinen könnte, er wisse schon alles über Sklavenhandel, auch der wird erstaunt sein. -
Ich habe schon viel gelesen über dieses Thema, aber derart aufgearbeitet - noch nie!!!

Da der Autor das gekonnt von den Protagonisten aus sehen lässt, ist das alles so geschrieben, dass sich der Leser sehr gut in diese Rolle hineinversetzen kann, und somit birgt das eine Verbindung, ein ‚Nahesein' am Geschehen.

Eine Besonderheit ist hervorzuheben, ich sehe sie als hervorragend an:
Das ist das Schildern, die Agitationen der Protagonisten in den diversen Sprachen. Deutsch ist ja nicht gleich Deutsch. Da sprechen die Fischer anders als die Dorfbewohner, das Gesinde der Grafen wieder anders, und an den Höfen auch wieder anders, und nochmal anders bei den Geschäftemachern, den sogenannten Kaufleuten und dann nochmal wieder anders bei den Walfängern.
Dann kommen noch die benutzten Sprachen in Südamerika, oder auch Afrika zum Tragen. Alles ist deutsch, aber dieses Deutsch hat sehr viele Facetten.

Und der Autor bedient sich immer der jeweils benutzen Sprache, die grade zu der jeweiligen Geschichte passt.
Alleine das ist in meinen Augen eine Besonderheit, eine sehr wertvolle Eigenart des Buchs.

Die Schilderung der Grausamkeiten - teilweise sehr, sehr schwer zu lesen, weil ich mich als Leser genau auch in die Gequälten hineinversetzt fühle. Nicht nur bei dieser ganzen Sklavensache, auch bei den Geschichten die um Walfängerschiffe gehen.

Ich hätte zum Inhalt noch sehr, sehr viel hinzufügen können, das Buch birgt sehr viele Einzelheiten, sehr unterschiedlicher Menschen und deren zugehörigern Schicht, und nicht zuletzt auch der Länder, die Schauplatz sind.