Dara Horn
Vor allen Nächten

Meine Zusammenfassung
Jacob Rappaport, Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes in New York, soll mit der Tochter eines Geschäftspartners seines Vaters verheiratet werden. Das wäre hervorragend für das Geschäft…. Aber diese Tochter ist – geistig sehr einfach strukturiert, ich würde sagen an der Grenze zur geistigen Behinderung. –
Jacob kann sich nicht gegen seinen Vater wehren und er flieht am Abend vor der Hochzeit. Der Bürgerkrieg steht kurz bevor, er meldet sich als Soldat bei den Nordstaatlern..
Dort bekommt er nach der Grundausbildung den Auftrag, als Agent einen Mann der Südstaatenkonföderation zu ermorden. Weil dieser angeblich ein Attentat auf Lincoln vorhat.

Dieser Mann ist Jacobs Onkel, (der Bruder seiner Mutter) auch ein Jude, der auch geschäftlich mit der Familie Jacobs zu tun hatte. Jacob kennt ihn, er hatte ihn schon mal im Geschäft seines Vaters gesehen.
Er wird nun in einem Fass in einem Schiff in die Südstaaten befördert, tagelang in diesem engen, stinkigen Gefängnis. Dort wird er von anderen Agenten aus dem Fass befreit und er begibt sich dann zu seinem Onkel.
Er gibt sich als Soldat der Konföderierten aus, und sein Onkel und die Verwandten beglückwünschen ihn zu diesem Schritt, sich den Konföderierten anzuschließen.

Es ist der Vorabend eines jüdischen Festes. – Er hat den Auftrag, ein bestimmtes Gift in das Getränk zu tun, wenn eine günstige Gelegenheit ist. Und die ist bald, er kann das Gift in das Weinglas seines Onkels während des Festessens schütten. Von der Wirkung wird Jacob überrascht, es ist ein grauenhaftes Gift gewesen, und der Onkel spuckt über die Tafel eine zähe schwarze ekelhafte Masse, stirbt gleich darauf. –
In diesem Haus gibt es Sklaven, wie damals überall in den Südstaaten. Jacob war ein Schwarzer aufgefallen, der ihn von Anfang an grimmig und zornig angeblickt hatte. –
Der Verdacht fällt auf diesen Schwarzen, weil der sich mit Hilfe von Jacob sofort auf die Flucht gemacht hatte.

Auf Jacob fällt kein Verdacht.
Nach seiner Rückkehr in den Norden zu seiner Einheit bekommt er wiederum einen Auftrag. Diesesmal soll er eine Spionin, eine der vier Töchter von Levy, Eugenia, heiraten und bespitzeln, also herausbekommen, was und wo sie ihre Informationen weitergibt.
Auch Levy ist ein Jude, und dem Haus von Jacobs Vater auch bekannt. Diese vier Töchter Levy verschlagen Jacob zunächst die Sprache, eine ist schöner als die andere, und er verliebt sich sofort in Eugenia.
Die Verhaltensweisen dieser Mädchen, die teilweise sehr sonderbar sind, werden geschildert, sind teilweise schon lustig, haben aber einen Hintergrund, der zunächst total im Dunkeln bleibt. – Die eine redet z.b. in Wortspielen, deren Sinn erst klar wird, wenn ein bestimmter Schlüssel, ein Code, angewandt wird. Der Vater der Mädchen, ein Witwer, liebt seine Töchter abgöttisch, ist aber, bzw. es scheint so, überfordert mit ihren Verhaltensweisen und allem was sie so tun. – - Die Mutter der Mädchen war vor nicht allzu langer Zeit von einem Sklaven ermordet worden, mitten in der Familie, die Mädchen haben das alles gesehen. – Es ist ein unbeschreiblicher Hass da – und im Hause Levy gibt es seitdem auch keine schwarzen Sklaven mehr.

Auch Eugenia verliebt sich in Jacob, sie sind ein Liebespaar, und so ist es für Jacob natürlich kein Befehl, diese Heirat, sondern sein und Eugenias Wunsch.

Bei der Hochzeit von Jacob und Eugenia kommt es zu einem eklatanten Zwischenfall. –
Und nun geht Geschichte mit Jacob weiter, und zwar sehr, sehr abenteuerlich.

Zunächst ist er auf der Flucht, wird versteckt von einem ehemaligen Sklaven, kann sich schließlich auch mit Eugenia treffen, sie geht nochmal nachhause, will dann wieder kommen und mit ihm zusammen weiter fliehen…

Ich möchte vom Inhalt nicht allzu viel zu verraten aber soviel noch: Er hatte jetzt auch Leute aus dem Spionagenetz der Konföderierten kennengelernt, sie haben ihm das Leben gerettet. – Auf Informationen genau dieser Agenten warten ja seine Auftraggeber, die Unionisten….
Und: Jacob hatte große Probleme damit, Menschen zu töten, bzw. überhaupt als Agent tätig zu werden. Aber das Militär hatte ihn unter Druck gesetzt, einen Befehl erteilt und er fühlte sich in der Pflicht.

Jacob entwickelt sich über die ganze Geschichte hin, war er vorher ein junger Mann ohne Eigenwillen, Stolz, Selbstbewusstsein, konnte er seinen Charakter zum positiven verändern, bzw. der Autorin gelang diese Charakterstudie, unmerklich im Hintergrund, hervorragend.

Es gibt viele Nebengeschichten, Einzelschicksale, wo besonders die Schicksale nicht nur der Neger-Sklaven, sondern auch die der Juden im Focus stehen. Es gibt viele Informationen, wann diese Juden nach USA kamen, es war ja lange vor der Verfolgung während des 2. Weltkrieges in Deutschland. Diese Juden sind im Süden wie auch im Norden zu finden, und werden durch diesen Bürgerkrieg zu Feinden….. Also die Grenze geht meistens mitten durch jüdische Familien, ein Teil im Süden, ein Teil im Norden.

 

 

Die Autorin
Dara Horn, 1977 geboren, studierte in Harvard hebräische und jiddische Literatur.

Ihr erster Roman 'Ausgelöscht sei der Tag' erhielt mehrere Preise. Ihr zweiter Roman 'Die kommende Welt' (BV 2006, BvT 2007) wurde in elf Sprachen übersetzt.

Dara Horn lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in New Jersey.

 

Buchdaten Erscheinungstermin:
Juli 2009
Verlag: Bloomsbury Berlin Sprache:Deutsch
Übersetzer: Martina Tichy, Christiane Buchner Seiten:480

ISBN-10:3-8270-0870-0 EAN:9783827008701

Beschreibung der Redaktion: „Vor allen Nächten erzählt die Geschichte eines jüdischen Einwanderersohnes aus den Nordstaaten, der während des amerikanischen Bürgerkriegs zwischen alle Fronten gerät. Dara Horn entfaltet darin eine solche Farbigkeit, wie sie weltberühmte Romane über diesen großen historischen Stoff nicht hervorbrachten. New York, 1861. Der neunzehnjährige Jacob Rappaport, Sohn jüdischer Einwanderer aus Deutschland, soll mit der einfältigen Emma, Tochter eines Geschäftspartners seines Vaters, verheiratet werden. Außerstande, sich gegen die Pläne des Vaters zur Wehr zu setzen, bleibt ihm am Vorabend des Festes nur die Flucht. Der Bürgerkrieg steht kurz bevor, und Jacob schlägt sich als Soldat auf die Seite der Nordstaatler, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpfen. Unerprobt wie er ist, wird er auf waghalsige Mission geschickt. An Bord eines Schmugglerschiffs verfrachtet man ihn nach New Orleans, wo er seinen eigenen Onkel vergiften soll, der sich während des Pessachfestes von Sklaven bedienen lässt und als Spion für die Südstaatler ein Mordkomplott gegen Präsident Abraham Lincoln plant. Kaum ist Jacob in den Norden zurückgekehrt, verschlägt es ihn ein weiteres Mal in den Süden. Diesmal mit einer Mission der anderen Art: Nun soll er Eugenia Levy, feindliche Spionin und Tochter eines alten Bekannten, heiraten und im Auftrag der Kommandanten bespitzeln. Aber auf das, was ihn im Hause Levy erwartet, ist Jacob nicht vorbereitet: Vier bildhübsche Schwestern mit derart verwegenem Charme, dass er bald nicht mehr weiß, auf wessen Seite er steht. Mit Fabulierlust erzählt Dara Horn die Geschichte eines zaudernden Helden, der erst in den Wirren des Krieges lernt, für sich selbst zu sprechen. Ein großer Stoff, den sie mit Witz und atemberaubender Raffinesse zu einem vielschichtigen und entschieden modernen Roman verwebt.“

Meine abschließende Bemerkung
Ein umfangreiches, sehr interessantes Buch.
Es ist ein Roman, der nur in den groben Aussagen Anspruch auf Authentizität hat. Das erklärt die Autorin am Ende des Buchs sehr deutlich. Sie hat lediglich, durch Studieren vieler Archive über diesen Bürgerkrieg, Informationen über einige Personen, Geschehnisse, Kriegsverläufe usw. erarbeitet, und hat eben vor diesem Hintergrund ihren Roman angesiedelt. – Also: So hätte es sein können. Ist aber frei erfunden.

Was aber keineswegs die Qualität des Romans schmälert. Wenn auch an einigen Stellen langatmig, wenn es um Schilderungen von religiösen Bräuchen der Juden geht, oder auch anderer Einzelheiten von Nebenschauplätzen oder Personen, mit den Jacob zusammentrifft, geht es immer wieder sehr spannend weiter..

Eine Einzelheit, wo es darum geht, Informationen weiterzugeben, hat mir sehr gut gefallen. Und das wiederum hat die Autorin nicht erfunden, nur die Personen. –

Es geht um Caleb, einen Ex-Sklaven und dessen Frau. – Um Informationen über die Stellungen der feindlichen Soldaten an ihre Leute weiterzugeben, gibt es einen Code. Und der sieht so aus: Je nachdem wie die Frau von Caleb die Wäsche aufhängt, so verlaufen die Aktivitäten, bzw. die Planungen der Angriffe feindlicher Truppen. –

Jacob wird ja sehr schwer verwundet, sein Äußeres verändert sich sehr, er ist auf Anhieb nicht wieder zu erkennen…… Als er dann eine Nachricht bekommt, Eugenia sei bei einer Verhaftung verstorben, glaubt er das nicht so richtig. Er erinnerte sich ja, dass alle vier Mädchen was Besonderes hatten. Eugenia war eine Schauspielerin und Entfesselungskünstlerin und konnte sich tot stellen, sie konnte ihren Unterkiefer aushängen und sah so grauenhaft aus, das fiel Jacob wieder ein, also glaubte er nicht daran, dass Eugenia tot ist.

Die Sprache, die die Autorin verwendet, ist nicht besonders anspruchsvoll, dennoch in einem – in meinen Augen – guten literarischen Stil.

Sie hat ein Nord-Süd-Staaten-Drama hervorragend als Thema genommen und einen sehr spannendes, fesselndes Buch geschrieben.