Carsten Jensen

jensen_wir_ertrunkenen_buchtitel

Nachdem ich dieses Buch "Wir Ertrunkenen" ausgelesen hatte musste ich erst ein anderes lesen und einige Tage warten, bis ich dran ging, es zu beschreiben.
Warum?
Weil die Begeisterung sehr groß, und ich so beeindruckt von dem ganzen Leseerlebnis war, dass sich das erstmal setzen musste.

Mit dem Bücherlesen/Bücherfinden ist es ja so wie auch im Leben: es verläuft nicht in einer geraden horizontalen Linie, sondern in einer horizontalen Welle; immer oben wäre langweilig, immer unten auch, aber ob unten oder oben, alles ist reizvoll und interessant, nur der Wechsel macht's. Und dieses Buch ist mal wieder eins, das ganz oben angesiedelt ist in meinem Barometer der gelesenen Bücher.

In diesem Buch wird einfach alles thematisiert: Kriege, Kämpfe, fast alle Länder dieser Erde, Menschen aller Schattierungen und Charaktere, alte, junge, träge und hitzige, Frauen, Männer, Seeleute, Soldaten, Geschäftsleute, Börsen- und Bankleute, Reiche, Arme und und und………….- es gibt auch nichts, das nicht vorkommt: Alkohol, Drogen, Horror auf See und an Land, Mord an allen Orten, Grauenhaftes, Ekelhaftes, aber auch Schönes.

Aber jetzt zum Inhalt, den der Autor in vier Hauptkapitel gegliedert hat:

I.
Die Stiefel
Der Tampen
Das Gesetz
Das Unglück

"Laurids Madsen, eine der Hauptfiguren im ersten Kapitel, war im Himmel gewesen, doch dank seiner Stiefel war er auch wieder heruntergekommen" Geschehen 1848, es ist grade Krieg zwischen Dänemark und Deutschland, im Hafen von Marstal. (Im Unterkapitel ‚Der Stiefel')

Laurids, früh Waise geworden, mit 18 sein Steuermannspatent erworben, aber vorher schon mit zwei Schiffen Schiffbruch erlitten, war um das Kap Hoorn gefahren, in Sydney und Valparaiso gewesen, also schon weit gereister Seemann, befand sich auf dem Schiff, als es in einem angeblich von ihm angezettelten Krieg beschossen wurde, er flog hoch bis fast zur Sonne, fiel wieder runter, auf seine Stiefel, die ihm angeblich das Leben retteten. - Diese Geschichte machte ihn berühmt, und sie zieht sich über das ganze Jahrhundert. Laurids hat Familie, und wie alle Frauen in Marstal bleibt immer seine Frau mit den Kindern zurück, oft Monate lang, aber auch oft sogar über Jahre. Entweder kommen die Männer irgendwann wieder, oder sie kommen nie wieder, und keiner weiß wo sie abgeblieben sind, wenn nicht die Havarie durch die Reederei festgestellt wurde.

Und Laurids verlässt Marstal, es ist nichts mehr von ihm zu hören. -
Später, in einem anderen Kapitel, macht sich dann sein Sohn, auch Seemann, auf, um ihn zu suchen.

Die Erzählung ist, wenn sie in Marstal handelt, im ‚Wir-Stil' - ungewöhnlich, weil der Leser nie weiß, wer ‚wir' ist. Aber es stört nicht.
Ein wichtiges Unterkapitel ist dann ‚Der Tampen' -. Ich kenne das Wort nicht, muss ein Schlagholz oder was ähnliches sein.
Diese Episode erwähne ich aus einem ganz bestimmten Grund. In Marstal gab es einen Lehrer, ‚Lehrer Isager'. Seine Hauptaufgabe sah er darin, jeden einzelnen jeden Tag zu verprügeln; gelernt haben sie wenig. Abartige Verhaltensweisen werden geschildert. Ich zitiere mal eine Stelle wo das deutlich wird, wie es sich ausgewirkt hat:

"Es war ein Krieg, der seine Spuren hinterließ. Wir hatten nach den Schlägen mit der Linealkante Narben an der Kopfhaut. Wir hatten geschwollene Finger, die kaum eine Schreibfeder halten konnten, weil er uns mit dem Tampen auf die Finger schlug, wenn ihm die Schrift nicht gefiel. Das nannte er Dukaten austeilen, und Dukaten teilte er auch an den Tagen großzügig aus, an denen die Brille ganz vorn auf der Nase saß. Wir hinkten und bluteten, wir waren blau und gelb, voller blutunterlaufener Striemen, und immer tat uns irgendeine exponierte Stelle weh. Doch das war nicht das Schlimmste, was er uns antat. Er hinterließ sein Zeichen auf eine andere und furchtbarere Weise: Er brachte uns dazu, ihm ähnlich zu werden. Wir taten schrecklich Dinge, und wir begriffen es in dem Moment, in dem wir uns um den Beweis unserer Untat versammelten. Es war wie eine Bürde, von der wir uns nicht befreien konnten. Er pflanzte uns einen nicht zu stillenden Blutdurst ein."

Sie heckten dann auch schlimmes aus, z.B. warfen sie den Hund von Isager einfach die Klippen runter, zündeten sein Haus an, und und und ……- aber immer wieder kam dieser Isager davon, den Schaden hatte seine Frau und ihr Hund.

Im Unterkapitel ‚Das Gesetz' geht es um einen Sohn von diesem Laurids, Albert. Seine Geschichte und sein Leben begleiten uns auch über die folgenden Kapitel, mal mehr, mal weniger. Es wird geschildert, dass er sich auf die Reise macht, seinen verschollenen Vater zu suchen. Und was er da so alles erlebt. Z.b. - ich greife mal einfach etwas heraus - ein Kapitän, bei dem er angeheuert hat, ein übler Haudegen, besitzt einen Schrumpfkopf, der angeblich von James Cook sein soll, von ihm ‚Jim' genannt.

Sie unterhalten sich und da kommt auch das vor:

"Weißt du wie wir für andere aussehen, in diesem Spiegel, der hier sitzt?" Er wies auf seine Augen. "Ich werde es dir zeigen". Er packte Jims Zopf mit seiner klauenähnlichen Hand und schaukelte ihn vor meinen Augen. Ich fuhr erschrocken aus dem Stuhl auf. Jack Lewis lachte triumphierend. "
Das bist du", sagte er. "So siehst du in meinen Augen aus. Das bin ich. So sehe ich in deinen Augen aus. So sehen wir uns gegenseitig. Das ist doch die erste Frage, die wir uns stellen, wenn wir uns gegenüberstehen: Wie kann er mir nützlich sein? Wir alle sind füreinander Schrumpfköpfe."

Er war später dann alleine auf dem Schiff, es gingen turbulente Abenteuer voraus,

und auch hier picke ich nur eine Stelle heraus:


"……Ich war ein voll befahrender Seemann, ich hatte die großen Ozeane überquert, aber in diesem Moment spürte ich, dass ich noch immer ein Neuling in der Welt war. - nicht weil ich ihre hektischen überfüllten Hafenstädte, ihre palmengesäumten Küsten oder ihre windgepeitschten Klippen nicht kennen würde, sondern weil ich noch immer so unendlich wenig über meine eigene Seele wusste. Ich konnte nach der Seekarte navigieren. Ich konnte meine Position mit Hilfe eines Sextanten bestimmen. Ich befand mich an einer unbekannten Stelle im Stillen Ozean auf einem Schiff ohne Kapitän und war noch immer imstande, den Kurs zu finden. Aber ich hatte weder eine Karte über mein eigenes Inneres noch irgendeinen Kurs für mein Leben ......."

II.
Die Mole
Die Erscheinungen
Der Junge
Der Polarstern

Hier ist zu erfahren, wie es dazu kam, dass diese sehr lange Mole vor Marstal gebaut wurde. Und dass sie den Zweck hat, den Ort vor dem Meer zu schützen.
In dieses Kapitel ist die Geschichte von Herman Frandsen eingebunden. Ob er ein Mörder war, wissen sie nicht. Wenn er es war, wissen sie den Grund. Seine Ungeduld ließ ihn zum Mörder werden.
Er hatte, nachdem sein Vater nicht von der See zurückgekehrt war, und seine Mutter einen neuen Mann gefunden hatte, diesen draußen auf dem Meer ermordet, so wird vermutet. Er wollte das Vermögen besitzen, an das er dann kam, als dieser Mann nicht mehr lebte. -
Auch dieser Mann begleitet uns bis zum Ende, wenn auch nicht in jedem Kapitel.

In Erscheinungen geht es um die Träume von Albert. - Er träumt Geschehnisse, die dann auch wirklich irgendwann eintreffen, und er kann das niemand sagen, nicht nur weil alle ihn dann für verrückt gehalten hätten, sondern weil die betroffenen Personen damit furchtbares erfahren hätten. Er sah alle künftigen Unglücksfälle, und es gab sehr viele. Er hat sie aufgeschrieben, in einem Heft, die linke Seite seine Träume, die rechte Seite was dann wirklich geschah. Und es war grausam.

Als dann später auch die Kriegsgeschichten dazu kamen, wurde es makaber. Lange bevor ein Krieg ausbrach, sah er die Toten, die explodierenden Schiffe und alles - - - - - .

Auch zu der damaligen Zeit, nach dem ersten Weltkrieg und danach, gab es bereits eine Börse und auch Betrüger, Gauner, die mit dem Geld der Leute Schindluder trieben. - Das ist besonders interessant im Hinblick auf das heutige Geschehen mit den Banken und der Börse.

Im Unterkapitel ‚Der Junge' kommt dann der Sohn einer angeblichen/vermuteten jungen Witwe ins Spiel. Eine ältere Witwe, mit der er sich öfter unterhielt, brachte ihm diesen Jungen. ‚Knud Erik'. Und mit ihm geht die Geschichte weiter.
Albert, allgemein Kapitän Madsen genannt, der wieder nachhause gekommen war, hatte selbst weder Frau noch Kinder. Und die alte Witwe sah einen Sinn darin, ihm Knud Erik zu bringen, da der keinen Vater hatte. Albert verbrachte dann später viel Zeit mit Knud Erik und mit ihm kommt ein weiterer Hauptprotagonist ins Spiel. Der uns auch über die folgenden Kapitel begleitet.
Seine Mutter, Klara, hat später ein freundschaftliches Verhältnis zu Albert. Sie hatte ihn zwar einige male verführt, wollte ihn auch heiraten, aber das wusste er immer zu verhindern, er war einfach nicht fähig für eine feste Bindung oder Ehe.
Im ‚Der Polarstern' ist Albert alleine, außerhalb der Mole, und nach vorhergegangnen Geschehnissen, die ich nicht hier ausbreite, stirbt er. - Alleine, er ist einfach erfroren, nachdem er seine Füße, die in den Stiefeln seines Vaters steckten, nicht mehr aus dem Schlick ziehen konnte. - - -

III.
Die Witwen
Der Möwenmörder
Der Seemann
Die Heimkehr

Die Witwen spielen eine große Rolle in diesem Kapitel, aber in den anderen vorher auch. Sie sind diejenigen, die das meiste verlieren, ihr Leben und das ihrer Kinder immer alleine regeln müssen, die meiste Zeit alleine sind, nie wissen ob und wann ihre Männer oder Söhne wieder zurückkehren.

Als dann auch noch Krieg dazu kommt (ganz zuerst der 1848 zwischen Dänemark und Deutschland, dann 1914-1918, und dann 1939 - 1945.) ändert sich ihr Schicksal wenig, nur bleiben jetzt die Männer auf der See, oder im Krieg, weg waren und sind sie schon immer gewesen.
Mit Mövenmörder ist Herman Frandsen gemeint. Ein echtes Scheusal - und wie dann seine ehemaligen Schulkameraden aus Marstal ihm übel mitspielen, ihn soweit treiben, dass er wieder aufs Meer geht, und er wird auch sehr lange nicht mehr gesehen.
Bis ganz zum Schluss, wo er wieder auf der Bildfläche erscheint…..wird spannend beschrieben.

Und alle Geschichten haben dann als Protagonisten wieder alle schon bekannten aus den vorherigen Kapiteln, einige neue kommen hinzu, auch einige Frauen. Was sie erleben auf dem Meer, in den Häfen, in den Kneipen, mit Frauen, also es geht sehr spannend und sehr turbulent weiter.

IV.
Das Ende der Welt

Knud Erik glaubt sich am Ende der Welt. Er stirbt, aber es ist nur ein Traum, und zwar ein Traum, wo er in einem Traum eines anderen (Alberts) vorkommt. Und er sieht, was Albert Madsen zwanzig Jahre vorher gesehen hatte. Es waren Bilder aus dem Krieg, von Bomben, zerstörten Häusern und Schiffen, ein Meer von Toten.

Er befindet sich zwischen England und dem Nordmeer, ist auf einem Konvoischiff, wo sie nicht nur von U-Booten, sondern auch aus der Luft angegriffen werden. Und ihm gehen niemals die vielen kleinen roten Lichter aus dem Kopf, die an den Rettungswesten der im Wasser treibenden Seeleute leuchten. Ihr Befehl lautet: sie dürfen sie nicht retten, sie würden sonst den ganzen Konvoi in Gefahr bringen. Sie sind dem Untergang geweiht und Knud Erik weiß das und wird damit nicht fertig.

Als er sehr viel später dann - als es erlaubt ist, an einer anderen Stelle im Meer, eine Gestalt, die einzig überlebende eines beschossenen und untergegangenen Schiffs rettet, ist das eine Frau, die in der Hand, noch mit der Nabelschnur verbunden, ihr neugeborenes Baby hält. - - Die Frau holen sie auf ihr Schiff, beide überleben, und Knud Erik behütet und schützt das Kind, aber auch die gesamte Mannschaft fühlt sich verantwortlich für den kleinen Jungen. Wer die Frau ist, stellt sich dann auch heraus; eine aus einem vorangegangenen Kapitel, die Knud Erik bekannt war, die er aber nicht gleich wieder erkannt hatte. -

In jedem Kapitel sind Briefe von Klara an Knud Erik zu lesen, zunächst hatte sie ihm nie verziehen, dass er auf See gegangen ist. In den Briefen teilt sie ihm dann alles mit und schließlich auch, dass sie ihm verzeiht.

Klaras Hass auf das Meer war groß. Und ihr Plan war es, zumindest ihren Heimatort von Schiffen, Werften und allem was mit Seefahrt zu hat, zu befreien. -
Da sie einen sehr großen Geldbetrag von Albert geerbt hatte, und auch mit ihrem vielen Geld spekulierte, u.a. auch mit Asien usw., kaufte sie große Landstücke auf, ganze Schiffsflotten, Reedereien, bestimmte bzw. wollte das Geschick auf diese Art bestimmen und sie hätte gerne ihr ganzes Vermögen geopfert, wenn nur nicht alle Männer wieder zur See fahren.

Das ist alles sehr ausführlich geschildert, und natürlich noch viele, viele Einzelheiten. Ich habe hier nur einen geringen Bruchteil dessen, was geschieht hier angerissen. Und wie alles ausgeht, lasse ich auch offen.

Hier die Karte von Marstal:

 

Carsten_jensen_autorenfoto

 

Carsten Jensen, geboren 1952, wuchs in Marstal auf.

Er studierte in Kopenhagen Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalist und Kritiker.

Sein literarisches Arbeiten begann er Mitte der neunziger Jahre

 

 

Verlag: Knaus
2008 " 781 S. m. Übersichtkarten
Seitenzahl: 784
ISBN-13: 9783813503012 ISBN-10: 3813503011

 

 

Hier zwei Karten vom Umfeld von Marstal:

 

 

 

Ein wahrhaft umfangreiches Werk. Aber nicht nur das.

Es ist einfach ein Zeitbild ab 1848 - über die Bewohner von Marstal - über die Bauern, die Seeleute und Frauen und Kinder.

Durch die vier Hauptkapitel, wo jedes auch für sich alleine stehen könnte, zieht sich wie ein roter Faden die Geschichte von Albert und dann die von Knud Erik.

Es ist die Geschichte eines Ortes, der schon immer von der Seefahrt gelebt hat, wo jeder Junge spätestens mit 14 zur See fährt, wo es Reedereien, Werften, Schiffe, alles gibt. Und das Dorfleben, das eigentlich nur von Frauen gelebt wird; weil Männer seltenst mal da sind.

Sehr schön ist auch die Entwicklung von den Segelschiffen im 19. Jahrhundert, über zunächst Motorschiffe, dann die moderneren Benzinmotorschiffe. eingebunden - Alles in seemännischen Ausdrücken erzählt.

Was mir sehr gut gefällt: Es gibt schlechte und gute Menschen in diesem Buch, sicher. Aber sie bleiben es nicht. Ich meine damit, die Schlechten machen eine Entwicklung durch, und nicht selten bekommen sie auch ihre Quittung.

Es geht um Menschlichkeit, und wie sie auch in schwierigsten Situationen zu bewahren ist. Und wie Männer daran zugrunde gehen, wenn sie nichts ändern können, z.b. bei den Fahrten im Konvoi, mit den vielen Gestrandeten, dem Tode geweihten Menschen.

- Knud Erik kam nicht drüber hinweg, bzw. musste einen sehr harten, lagen Weg gehen, um überhaupt weiterleben zu können.

Diese ganzen Geschichten nur einfach so als ‚Seemannsgarn' zu beschreiben, wird dem Werk und den Geschichten nicht gerecht. Es geht um viel mehr.

Und ob - was natürlich ist und in die Dramaturgie eines Romans eingeflochten werden muss - das eine wahr und das andere unwahr ist, die Aussage bleibt. -

Und: der grobe Umriss der Zeit und des Geschehens ist authentisch.

Der ganze Roman ist zum größtenteils in ‚Wir'-Form geschrieben, wechselt aber zwischendurch auch in die ‚Ich'-Erzählung. Wer genau ‚wir' ist, habe ich nicht herausgefunden,

- es ist das, was über allem schwebt, und das der Autor als ‚über-alles-erzählen' gewählt hat.