Michael Köhlmeier
Die Abenteuer des Joel Spazierer

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Meine Zusammenfassung:
Aus einer Fülle von Ereignissen, Geschehnissen, möchte ich nur einige wenige herausgreifen.
Zuerst fällt mir natürlich Sebastian Lukasser auf, den Köhlmeier bereits in seinen Roman Abendland eingebaut hatte. - Wenn ich aber hier was Ähnliches wie Abendland erwartet habe, habe ich mich getäuscht. - Eine ganz andere Geschichte ist das hier, voll hintergründigem Humor, Phantasie in allen Bereichen.
Hier ist Lukasser derjenige, dem Spazierer alias András Fülöp sein Leben erzählt. Er ist jetzt 60 Jahre alt, hat bei Lukasser eine Bleibe gefunden. - Aber alles der Reihe nach.

Der Anfang ist in Ungarn, da heißt er noch nicht Joel Spazierer, sondern András Fülöp. Er war bei seiner ‚Moma', seiner Großmutter, und war plötzlich allein in der Wohnung, Moma war von der Staatssicherheit abgeholt worden. Der Arzt Dr. Fülöp ist sein Großvater. Auch er war mitten aus dem op geholt worden. Aus dieser Zeit im noch kommunistischen Ungarn, der politischen Situation, ist viel zu erfahren, ist uns ja teilweise bekannt.
Jetzt war der kleine 4-jährige András alleine in dieser großen Wohnung. Und hier beginnt schon die Besonderheit dieser Person. Realitätsfern für ein so kleines Kind, beschäftigt er sich tagelang selbst, richtet in der Wohnung riesiges Chaos an, weil er aus Blumentöpfen und anderen Sachen Straßen baut, die sich durch die ganze Wohnung ziehen. Seine Phantasie ist auch hier schon grenzenlos. Und auch wie er sich ernährt ist bemerkenswert.
Sein Leben geht dann natürlich weiter, mal hier mal dort, aus Ungarn fliehen sie dann, sind in Wien, wo sie dann in allen möglichen Behausungen leben. Moma mit Großvater ist jetzt auch da, ebenso auch seine Mutter mit dem Vater.
Spazierer führt auch hier schon, als 7-9-jähriger Junge ein sehr ungewöhnliches Leben. Er ‚arbeitet' als Stricher, verdient Geld damit, Männer zu befriedigen in verschwiegenen Schuppen. - Durch seinen Freund, der etwas älter ist, war er dazu gekommen. Sie weiten das bis zur Erpressung aus. Beachte: er ist hier zwischen 7 und 9 Jahre alt!!!!!

Ich verzichte jetzt darauf, den Inhalt chronologisch wiederzugeben, sondern greife einfach willkürlich ausgewählte Szenen heraus.
Wie übrigens das ganze Buch Orts- und Zeitsprünge aufweist, so dass das Buch auch kreuz und quer zu lesen ist: also nicht von vorne bis hinten, sondern es kann auch ein Kapitel ausgesucht und gelesen werden, und dann ein anderes.
Da ist mal eine Flucht aus einem Gefängnis mit dem schwarzen GI durch die Wälder, für ihn neben Lukasser einer der guten Menschen - und das sind sehr interessante Erlebnisse.
Er lebt dann in Berlin, Paris, und von der DDR aus später, wo er mit einem Funktionär der DDR nach Paris geflogen war, macht er mal so kurz einen Trip nach NewYork. -
Ein Kapitel beschäftigt sich damit, wie er einer Freundin in Mexiko bzw. Kuba beim Heroinentzug hilft, bzw. helfen will. Das sind ziemlich reale Schilderungen, die aus anderen Berichten schon bekannt sind.

Frauen waren recht spät in sein Leben getreten. Verliebt hatte er sich nie bis dahin, sein berechnender, kalter Charakter war dazu nicht geeignet. Dennoch geschah es dann, obwohl er da schon etwas älter war.
Was sehr auffallendes an der ganzen Geschichte ist neben den unzähligen außergewöhnlichen Eigenschaften die, dass er jede Sprache, egal welche, nach kürzester Zeit spricht. Er versteht es grandios, zu leben, meist auf Kosten anderer; Zechprellerei, Betrug, alles nimmt er - alles was zu haben ist. Skrupellos. - Und er tötet auch einfach so, ohne lange zu überlegen.

Die für mich sehr interessanten weit ausholenden Stellen waren, wo er in die DDR eingereist ist mit falschen Papieren (nichts einfacher als das für ihn) - und auf wundersame Weise einen Lehrauftrag an der Uni bekommt. - Jetzt war er Ernst Thälmanns Enkel, Dr. Koch-Thälmann ist sein Name. (Seine eigenen Papiere hat er ganz raffiniert in einem Buchdeckel verborgen. Ein dickes Buch, das er immer bei sich hat.)
Das was er dann darüber erzählt ist einfach verrückt, und neben den raffinierten Schachzügen (achso ja - da fällt mir ein, mit Schachspielen gibt's auch eine Geschichte) -
Wie er z.b. ein ganzes Semester füllen kann, nur damit, dass er eine These in den Raum stellt, die Studenten dann über das ganze Semester darüber diskutieren und streiten lässt. - Er selbst hat keine Arbeit mehr. - Und das macht er über längere Zeit, immer wieder mit so Sätzen, die er aus einem seiner schlauen Bücher nimmt.

Mal ein kurzer Auszug:
"Mein Motto lautete. Jede Frage, die gezeugt und geboren wird, um einer positivem Antwort zu dienen, ist erlaubt, und nur solche Fragen. - - Das hob, erstens, die Laune. Gab, zweitens, Mut. Animierte, drittens die Studenten, ihre Spekulationen ungehemmt wuchern zu lassen; wohinter ich, viertens, meine völlige Unkenntnis der Materie prächtig verstecken konnte.
Ich habe nichts anderes getan, als zu fragen - zum Beispiel: ‚Könnte der Gott, angenommen, es gibt ihn, die Zeit erschaffen haben? - Findet einer von ihnen in der Bibliothek ein Buch, in dem zu diesem Thema etwas gesagt wird? - Was sagte Augustinus zum Thema Zeit? - Warum beantwortet Augustinus nicht die Frage, ob Gott die Zeit erschaffen hat? - Warum ist es üblich, das Wort Mensch mit einem Artikel, bestimmt oder unbestimmt, zu versehen und nicht ohne? - Gäbe es den Gott, hätte er Ohren und Augen? Oder würde er, falls er über die Zeit gebietet, Ohren und Augen nicht nötig haben?' -
Zur Halbzeit des Semesters mussten wir in einen größeren Hörsaal umziehen, weil inzwischen so viele Studenten meine Vorlesung hören wollten…….."
- - -

Wieder ein großer Zeitsprung, er ist nach Moskau gereist mit einer etwas älteren Frau aus dem Politbüro oder irgend so einer Institution, ist unwichtig.
In Moskau landen sie aufgrund eines sprachlichen Missverständnisses in einer Spelunke, wo um Geld gespielt wird, und auch Schach. - Die beiden, also die Frau und Joel, tricksen hier wieder sehr gekonnt, lassen zunächst die anderen immer gewinnen, um später dann abzuräumen. Kein Problem für Spazierer.-
Nur geht hier etwas schief, sie werden entführt, landen in einem unterirdischen Tunnel. Zunächst schon ziemlich unklar, warum eigentlich. - Sie werden gefoltert und dabei wird übrigens der Frau und auch ihm der kleine Finger einfach abgehackt….sie waren in Käfigen eingesperrt, und in den Nachbarkäfigen wurden die Menschen geschlachtet.

Danach dann, ganz besonders witzig, wie er dann in höchste kreise der DDR aufsteigt, u.a. mit Honecker und dessen Frau Kaffee trinkt, Töchter von Politbüro-Mitgliedern zur Heirat angeboten bekommt.
Und er verliebt sich jetzt auch tatsächlich. Er hat zunächst eine Freundin, Elisabeth; - dann heiratet er eine der angebotenen Töchter, aber als Nebenfrau hat er noch eine andere der angebotenen Töchter. - Sie wissen voneinander nichts, lediglich Elisabeth ist im Bild. Seine Ehefrau wie auch die andere Nebenfrau bekommen fast zur gleichen Zeit je eine Tochter. - Er pflegt Kontakt mit beiden, immer gerecht aufgeteilt. Aber er will ja auch dass seine beiden Töchter sich gegenseitig kennen lernen. Auch das schafft er - mit Hilfe von Elisabeth -. -
Ein total verrücktes Kapitel.

Diese ganzen wundersamen Geschichten lässt der Autor im Zwölften Kapitel so enden:

"Am 9. Januar 1987, einem Donnerstag, packte ich meine Sachen, mein Buch und mein Radio, und nahm den Weg unter die Beine, verließ das Ländchen, sparte Gehens nicht und kehrte nirgends ein, sondern wanderte, bis ich…. - Rest ist erzählt."

 

 

Autor

"Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard am Bodensee, lebt als freier Schriftsteller in Hohenems (Vorarlberg) und Wien."

 

 

 

Beschreibung der Redaktion: "Ich besaß nie den Ehrgeiz, ein guter Mensch zu werden." Joel Spazierer, geboren 1949 in Budapest, wächst bei seinen Großeltern auf und ist vier Jahre alt, als sie von Stalins Schergen abgeholt werden. Fünf Tage und vier Nächte verbringt er allein in der Wohnung und lernt eine Welt ohne Menschen kennen. Es fehlt ihm an nichts, er ist zufrieden. Eher zufällig findet ihn seine Mutter, die noch Studentin ist. Joel Spazierer lernt nie, was gut und was böse ist. Sein Aussehen, sein Charme, seine Freundlichkeit öffnen ihm jedes Herz. Er lügt, stiehlt und mordet, ändert seinen Namen und seine Identität und betreibt seine kriminelle Karriere in vielen europäischen Ländern. Die Geschichte, die er uns ganz unschuldig erzählt, ist ein Schelmenroman über die Nachtseiten unserer Gesellschaft wie es noch keinen gab."

 

Buchdaten:
ISBN: 3423143231
EAN: 9783423143233 Erscheinungstermin: 2014 (demnächst)
Verlag: dtv
Taschenbuch
Sprache: Deutsch
Seiten: 656

Meine abschließende Meinung

Ja, diesen großen Roman habe ich mit Vergnügen gelesen; ist schon etwas Zeit einzurechnen, nicht nur weil das Buch dick ist, sondern vor allem auch wegen der unzähligen Einzelheiten, Geschichten dieses Pseudonyms Joel Spazierer.

Da wurden sämtliche Raffinessen, derer ein Mensch überhaupt fähig ist, ausgereizt in dieser Person Joel Spazierer.
Der Name Spazierer selbst hat schon einen Sinn. Es ist ja auffallend, dass dieser Joel sehr viel herumspaziert, überall wo er ist, nachdenkt oder nicht, denn er besitzt sogar die Fähigkeit gar nichts zu denken!!!

Bereits in der Mitte des ganzen Buchs wurde mir die Vielfalt und die Masse an Ereignissen fast zuviel. Es gibt ja nichts, das nicht thematisiert wurde. Jedes Thema, jede Begebenheit, alles sehe ich als Persiflage an, mit Ironie, vielen Kenntnissen in vielen Bereichen gestaltet.
In dieser Person ist alles zuhause. Das Böse schlechthin; aber auch das Gute. Eine Polarität die ja nicht unüblich ist.
Seine von Kind an praktizierte Technik, auf Befragungen zu reagieren mit: ‚ja' - ‚nein' - ‚weiß nicht' behält er sein ganzes Leben bei. - Und fährt meistens gut damit.

Die Person an sich, wenn ich da an sein Aussehen denke, vom Autor ja immer wieder hervorgehoben: ein sehr schöner Mensch ist dieser Joel! - Und egal wo er ist, immer gelingt es ihm sehr bald, Sympathien bei seinen Gegenübern zu wecken. Auch bei den Gefängniswärtern, mit den er bald Schach spielt und handelt.
Und aus allen lebensbedrohlichen Situationen kann er sich natürlich herauswinden, meist mit berechnender Zuhilfenahme seines Charmes, seiner äußerlichen Anziehungskraft und seines Verhaltens. Und. Er geht auch über Leichen.

Wenn ich die Themen mal alle ansehe, der Inhalt hätte für 3-4 Bücher sehr gut gereicht.
Was aber im gesamten Buch besonders ist in meinen Augen, ist der Witz hinter diesen ganzen Geschichten, dieser hintergründige Humor. Und trotz der oft grausamen Begebenheiten ist Schmunzeln über das ganze Buch hinweg angesagt.
Allerdings wundere ich mich als Leser im letzten Teil über gar nichts mehr. Das Wundern dauerte ja schon während des ganzen Lesens, allerdings immer gewürzt mit Lächeln.

Ich sehe das gesamte Buch mit all seinen Geschichten als grandiose Persiflage an, wo der Autor nichts ausgelassen hat, das persifliert werden könnte.