Liza Klaussmann
Zeit der Raubtiere

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Meine Zusammenfassung:
Insgesamt ist diese Geschichte zwischen 1945 und 1969 angesiedelt. Wobei die Zeit um 1945 immer in Rückblicken, oder in Hughes Kapitel zu erfahren sind.
Die Geschichte beginnt, als die beiden Frauen noch Teenager sind. Sie sind sehr unterschiedlich. Jede hat ihre eigenen Vorstellungen, die eigentlich nicht sehr ähnlich sind. Nick und Helena sind Cousinen, und von jeher eng befreundet.
Helena heiratet einen in meinen Augen Luftikus, der es auf ihr Vermögen abgesehen hat (was sie aber nicht bemerken will) - - Helena ist rettungslos verliebt in diesen Beau. Merkwürdig ist ja von Anfang an, dass dieser seine verstorbene Frau, die angeblich ein Star zu werden versprach, immer noch vergöttert, und sein ganzen Leben darauf ausgerichtet ist, ihr ein Denkmal zu bauen….. - Er plant ein Projekt, einen Film. Und dazu braucht er viel Geld. Alle anderen sehen das, auch Nick. Aber es nützt ja nichts.
Nick hatte als junge Frau große Pläne. Sie heiratet dann einen jungen Mann, den sie schon lange kennt, möchte aber eigentlich keine Kinder, sondern ihre Freiheit genießen, in die Welt hinaus und und und…..
Als Hughes aus dem Krieg zurückkommt, ist er verändert, hat andere Sichtweisen, möchte ein Leben in geordneten Bahnen. - Aber irgendein Teil von ihm ist immer fern, und Nick spürt, dass sie vieles über ihren Mann nicht weiß, seine Erfahrungen während des Krieges in Europa nur bruchstückhaft
weiß.
Was dann sehr viel später Thema ist: Als Hughes in England als Soldat eine Frau kennenlernt, und mit ihr auch ein Verhältnis hat. Als er wieder zuhause ist, verdrängt er das, bewahrt aber die ganzen Briefe in seinem Versteck auf, die er von dieser Frau hat. Es geht auch aus seinen Gedanken hervor, dass er sich nie ganz klar war, ob er sich von Nick trennt und zu dieser Frau geht, oder was er überhaupt vorhat.
Zu Nick ist er immer freundlich, vorbildlicher Familienvater.

Wir sind jetzt einige Jahre später in der Geschichte. Nick hat sich, seltsamerweise, wo sie doch nie kochen wollte, keinerlei Hausfrauenpflichten kannte geschweige denn mochte, zu einer Hausfrau entwickelt, die kocht, die ihren Haushalt im Griff hat, die Feste veranstaltet, die Gäste vorbildlich bewirtet. Und, sie lebt endlich wieder dort wo es für sie am schönsten war, in Tigerhouse, das Haus das ihrer Familie gehört hatte, und das für sie wunderschöne Erinnerungen birgt.
Als sie dann doch schwanger wird, bekommt sie das Kind, wird eine fürsorgende Mutter, geht auf in ihren Familienpflichten. Der Alltag wird bestimmt von typischen amerikanischen Verhältnissen, mit Cocktailpartys, Hausfrauentratsch, Nachbarschaftspflege und und und….

Helena bekommt auch ein Kind, einen Sohn, Ed. - Aber…. Helena nimmt entweder zahllose Tabletten zu sich, später trinkt sie auch sehr viel, wird Alkoholikerin. Der Junge, der sich merkwürdig entwickelt, entgleitet ihr vollkommen. Ihr Mann hat keinerlei Bezug zu diesem Sohn. - Diesen Jungen nimmt dann Nick in ihrem Haus auf.
Großer Sprung in der Geschichte, einige Zeit weiter: Dieser Junge, Ed, ist weiterhin merkwürdig, seltsam, undurchschaubar eigentlich. Mit der Tochter von Nick, Daisy, ist er öfter in der Umgegend unterwegs, und als sie eines Tages ein ermordetes Mädchen finden, bekommt die Geschichte einen immer makabereren Fortgang. Ein Nachbar soll dieses Mädchen, eine ausländische Hausangestellte, vergewaltigt und ermordet haben. Der Tratsch blüht, es gibt ein Getuschel, auf jeder Party ist das Thema.
In der Folgezeit gibt es viele merkwürdige Begebenheiten, die meistens mit diesem Jungen von Helena zusammenhängen. Skurril, makaber oft. Auf sehr verschlungenen Wegen nimmt die Geschichte ihren Lauf. Immer wieder unterbrochen von Rückblicken der einzelnen Protagonisten.
War das ganze Buch bisher nicht sehr spannend, aber durchaus interessant, nimmt es im letzten Drittel dann eine stetige, immer spannender werdende Wendung. Einzelheiten werde ich natürlich jetzt nicht ausführen.

 

 

 

Autorin:

Liza Klaussmann, Anfang vierzig, stammt aus den USA. Bis 2001 arbeitete sie als Journalistin für die New York Times, u.a. als Korrespondentin in Paris. Sie hat in den USA und England ‚Kreatives Schreiben' studiert. Ihr Debüt trägt autobiographische Züge: Klaussmann hat ihre Kindheit teilweise auf Martha's Vinyard, einer Insel vor Boston, verbracht. Liza Klaussmann ist die Urururenkelin von Herman Melville. Heute lebt die Autorin in London.

 

Kurzbeschreibung/Klappentext:

Nick und Helena - zwei junge Frauen, die, frisch verheiratet, das "richtige" Leben kaum erwarten können. Aufregend und wild soll es sein, und voller Liebe. Doch bald stellen sich erste Zweifel und Enttäuschungen ein. Zwölf Jahre später leben die beiden mit ihren Familien in Tiger House, dem vornehmen Anwesen von Nick auf einer Insel vor Boston. Nichts von dem, was sich die beiden Frauen erträumt haben, ist bisher in Erfüllung gegangen. Dennoch bemüht sich vor allem Nick, das Leben, so wie es ist, zu akzeptieren und jedes Familienmitglied glücklich zu sehen. Doch als ihre Tochter und Helenas Sohn das Opfer eines brutalen Mordes entdecken, bricht die mühsam aufrechterhaltene Fassade endgültig zusammen ...

Beschreibung der Redaktion: Ostküstenhitze, ausgebleichte Bootsstege und abendliche Partys auf dem eleganten Anwesen Tiger House: Als Mädchen waren die Cousinen Nick und Helena unzertrennlich. Frisch verheiratet, fiebern sie dem "richtigen" Leben entgegen. Abenteuer, Liebe, Glück, davon träumen sie. Jahre später ist davon kaum noch etwas übrig - als ein Ereignis die Familie erschüttert und mit einem Schlag die halb vergessenen Sehnsüchte und Leidenschaften wieder aufflammen. Ein großer amerikanischer Roman über das seltsame Gefüge "Familie" und all die Liebe und den Hass, die sie bestimmen.

Buchdaten:
ISBN-10:3-426-19951-3
EAN: 9783426199510 Erscheinungstermin: 03.09.2012 Verlag: Droemer/Knaur
Einband: gebunden
Originaltitel: Tigers in Red Weather Sprache: Deutsch
Seiten: 426
Übersetzer: Michaela Grabinger

Meine Schlussbemerkung:
Als ich das Buch begonnen hatte zu lesen, war ich eigentlich geneigt, es wieder wegzulegen. Es sah so gar nicht aus, dass es interessant werden könnte. Aber wie sehr häufig bei Büchern, gab ich auch in diesem Fall der Autorin eine Chance. Und wurde, wie schon so oft, überrascht. Es entwickelte sich ja nach und nach zu einen sehr interessanten Buch, das ich zu lesen schon sehr empfehlen kann. Das Buch hat eine nicht so häufig vorkommende Gliederung: für jeden Protagonisten gibt es ein Kapitel. Und da ist dann sehr deutlich bemerkbar, dass sie eigentlich ganz anders denken, sind, als die anderen denken….
Sehr interessant, wenn auch nicht unüblich, wie diese beiden Freundinnen, Cousinen eigentlich zueinander stehen. - Da ist eine Hass-Liebe…. Unergründlich, aus der Sicht von Helena gegenüber Nick. Nick ist ihr überlegen, aber Nick hegt diese Hassgefühle gegenüber ihrer Cousine nicht.
Helena ist dann am Ende in einer Suchtklinik, sie war eigentlich diese ganzen Jahre immer benebelt, durch Alkohol, Drogen… usw. - Da es aber bei diesen amerikanischen Familien üblich ist, z.B. nachmittags sich zum Cocktail zu treffen, alkoholische Getränke immer parat stehen, fällt das nicht so sehr auf, dass Helena eigentlich immer betrunken ist. - Sie ist selten mal ohne ein Schnapsglas anzutreffen.

Zu den weiteren, erwähnenswerten Segmenten gehört auch, dass z.b. der Junge, Taylor, den die Tochter von Nick, Daisy, dann auch geheiratet hat, von Anfang an in Nick verliebt ist.
Und so erfährt der Leser dann von jeweils jedem Protagonisten seine eigene Geschichte. Diese Geschichten sind in Ich-Form verfasst.

Interessant auch die Zeitsprünge, auch wieder in Unterkapiteln gegliedert, und die Dramatik dann die bis zum Ende des Buchs anhält. Ein Ende, das ich eigentlich so nicht erwartet hätte.
Ganz interessant ist hier das Kapitel von dem Jungen, dessen Wesen und Verhaltensweise ja zunehmend Gestalt annahm; wie er dann aus seiner Sicht diese ganzen Leute beschreibt!
Aus dem Kapitel ‚Ed' dem Jungen von Helena, zitiere ich mal einige Stellen: Ed liegt auf der Intensivstation. Kann nicht sprechen, so in einer Art Wachkoma. Daisy besucht ihn grade, und auch seine Mutter ist nach langer Zeit zu Besuch bei ihm. Und er denkt nach, er lässt das Vergangene wie einen Film in seinem Hirn ablaufen. Das ist ziemlich am Ende des Buchs; wie es dazu kam und so weiter, verrate ich natürlich nicht. (Aus der Sicht von Ed)

"….Ich versuchte mich zu bewegen, aber es ging nicht. Ich hatte Schmerzen, aber nur im Kopf. Mein Schädel fühlte sich an, als würde er gleich bersten. Tante Nick beugte sich über mich und legte eine Hand unter meinen Kopf. - ‚Wo bleibt dieser verdammte Krankenwagen?' sagte sie. - ‚ist auf dem Weg' - Schweigen. Dann: Hughes: ‚'Ja?' - ‚Es ist so unglaublich merkwürdig, ich habe das Gefühl….' - - ich musste mich anstrengen, um sie zu verstehen. - - ‚Als würde alles….' -- - ‚Ja' sagte Onkel Hughes. - ‚so ist es.' - - dann barsten in meinen Augen Sterne, und die ganze Welt wurde dunkel. - - - …….. ‚Heute ist wirklich ein besonderer Tag für Sie' - sagt die Schwester - ‚Noch ein Besuch.' - ‚Hallo Ed.' Es ist Daisy. Ich kann sie nicht sehen, aber ich höre sie. Ich konzentriere mich auf meinen Hals, aber er bewegt sich nicht. Ich kann kaum fassen, dass sie da ist. Sie hat mich erst einmal besucht, ganz am Anfang. Ich hatte mich schon gefragt ob sie von der Sache an der Treppe und von allem anderen weiß, und war zu dem Schluss gekommen, dass sie mir nicht verzeihen kann, genau wie Tante Nick es prophezeit hat. Aber sie beugt sich lächelnd über mich, also hasst sie mich wohl eher doch nicht. Sie ist bleich, aber wir haben schon Oktober, da wird die Sommerbräune verblasst sein. Ich sehe sie an und versuche, ihr mit den Augen mitzuteilen, was mein Mund ihr nicht sagen kann………….."

Das ganze Buch ist raffiniert von der Autorin gestaltet! Allgemein ist dieses Buch leicht zu lesen, in guter Sprache gestaltet.
Und der Inhalt gestaltet sich dann doch so nach und nach zu einem Krimi.
Im letzten Drittel, wie ich oben schon erwähnt habe, wird es dann doch sehr, sehr spannend. Das genaue Ende habe ich natürlich nicht verraten, auch mit dem oben zuletzt zitierten Abschnitt habe ich das keineswegs getan. Der Leser kann/muss sich das dann selbst denken.

Ich lese gerne Debüt-Romane und mit diesem Roman hat die Autorin einen hervorragenden Anfang gemacht. Was mich auf weitere Romane von ihr hoffen lässt.