Robert Kleindienst
Später vielleicht

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Meine Interpretation des Inhalts:
Der Protagonist (er) lebt in einer Partnerschaft, aber nicht mit seiner Freundin (Nelly) in einer Wohnung, sie wohnt woanders. Und die Beziehung ist irgendwie träge geworden. Aber noch schlimmer ist, dass er auch sehr träge geworden ist als Schriftsteller, der er ja sein will; er studiert zwar, aber er hat schon einiges veröffentlicht und arbeitet an einem Buch. Das aber keine Fortschritte macht. -
Er findet keinen Grund. Sucht ihn dann unweigerlich in seiner Beziehung zu seiner Freundin.

Er ist ein Verehrer Kafkas, und zitiert dann eine Stelle aus einem Werk Kafkas, wo er seine Situation treffend geschildert sieht:
"Die abweisende Gestalt, die ich immer traf, war nicht die welche sagt: ich liebe dich nicht, sondern welche sagt: ‚Du kannst mich nicht lieben, so sehr du es willst, Du liebst unglücklich die Liebe zu mir, die Liebe zu mir liebt Dich nicht.' Infolgedessen ist es unrichtig zu sagen dass ich das Wort ‚Ich liebe dich' erfahren habe, ich habe nur die wartende Stille erfahren, nur das habe ich erfahren sonst nichts."

Diese Worte liegen ihm so nahe, dass er einen Faden verspürt von sich, zu den Worten Kafkas. Ihre Beziehung läuft in ausgefahrenen Gleisen, ihre sexuellen Kontakte sind zu terminlich festgefahrenen Ritualen geworden.

Bei seinen häufigen nächtlichen Spaziergängen, alleine, geschieht auch mal folgendes:

"- - - - - - Plötzlich hörte er unweit ein Geräusch, als würde jemand ächzen. Bei genauerem Hinhören entpuppte sich das Ächzen als Stöhnen. Er ging in die Richtung des Gebüsches, von dem das Geräusch kam, in der Hoffnung, eine Szene für seinen Roman zu finden. Dann aber traute er seinen Augen nicht: es waren zwei Igel, die sich dem Liebesspiel hingaben. Das waren also die Protagonisten für seinen Roman - ein wenig stachelig, aber durchaus in der Lage, sich Gehör zu verschaffen. Er hörte Hundegebell. Ein älterer Mann kam auf ihn zu, der offenbar nichts von den Igeln bemerkt hatte. - - "Haben sie das gehört?" rief der Mann, "das ist doch ungeheuerlich!!! Die Frechheiten in unserer Stadt nehmen von Tag zu Tag zu!! Ungeheuerlich!! Hören Sie? - und niemand der gegen diese Schmarotzer vorgeht!- - - -" Er riss seinen Hund an der Leine, und der Schriftsteller sagte ihm, dass die Frau jetzt wegen seines Hundes einen Scheidenkrampf habe, und ging weiter, mit dem sicheren Entschluss, die Szene nicht literarisch zu verwerten."

Das zeigt, dass der Autor durchaus witziges benutzt!

Er lernt dann eines Abends, als er wieder alleine durch die Stadt streift, ein Mädchen kennen, eine Brasilianerin (Fábia). Und entflammt in Liebe und Sehnsucht zu ihr. - Seine Lieblingsstadt ist Prag, auch die Heimatstadt Kafkas, und da Fábia einige Tage später nach Prag reisen will, beschließt er auch dorthin zu fahren, er wollte ohnehin wieder nach Prag.
Sie treffen sich dort, erleben Prag im Schnee, haben einige schöne Liebestage und -Nächte. - Als sie sich verabschiedet, zwei Tage bevor er selbst auch wieder von Prag abreist, hat er schon 1 Minute nach ihrer Abreise brennende Sehnsucht nach ihr. Fábia reist dann weiter, will aber nochmal für einige Tage zurückkommen, wenn er auch wieder zuhause ist. -
Sie treffen sich dann aber nur zweimal, und auch nur sehr kurz, Fábia ist mit anderen jungen Leuten zusammen, er fühlt sich wie ein drittes Rad am Wagen. Auf ihre Einladung dann, bei ihr zu übernachten, geht er nicht ein. geht nachhause. - Sie sehen sich nicht mehr.

Während dieser Zeit, aber auch schon vorher trug er sich mit dem Gedanken, Nelly zu verlassen. Er brachte es einfach nie fertig. Und er hatte sogar das Gefühl, sie immer noch so zu lieben, dass er jetzt mit ihr zusammenleben wollte.

Während dieser ganzen Zeit mit Fábia hatte er eine gute Schaffensperiode als Schriftsteller, er schrieb das seiner Liebesbeziehung zu Fábia zu. -
Und jetzt ist er eigentlich froh, dass Fábia weg ist. Immer wieder tendiert er mal zu ihr, dann wieder zu Nelly. -

In dem Kapitel "Fraktale" beschreibt er seine Situation so:
"Die Chaos-Forschung besagt, dass chaotische Systeme trotz ihres offenbar gesetzwidrigen Verhaltens bestimmte typische Muster zeigen. Selbst hinter der Struktur der Galaxien und der Ausbreitung eines Waldbrandes, dem menschlichen Herzschlag und dem Entstehen eines Romans stecken die Gesetze des Chaos. In der griechischen Mythologie ist Chaos der Urstoff des Weltanfangs." - - - - - - - - "wäre er in jener Nacht, als er Fábia kennen lernte, nicht um die richtige Ecke gebogen, so hätte es seinen Roman in dieser Form nie gegeben und kein Prag auf jene Weise. Vielleicht wäre er dann noch immer am Schreibtisch gesessen, regungslos, antriebslos, und schon froh gewesen über jeden noch so einfältigen Satz. - - - - -"

Die Geschichte geht weiter, sicher, und sie wird dem Leser auch das Ergebnis, das Ende bescheren. Das ich hier nicht erwähne.

 

 

Buchdaten:
Broschiert: 176 Seiten Verlag: Skarabaeus
(8. September 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 370823264X ISBN-13: 978-3708232645 18,90 Euro

"Robert Kleindienst, geb. 1975 in Salzburg, wuchs in Radstadt im Pongau auf und studierte nach der Matura am BORG Radstadt an der Universität Salzburg Germanistik, Politikwissenschaft und Erziehungswissenschaft. Kleindienst hat eine Ausbildung zum Museumspädagogen, leitet Literaturwerkstätten, gründet 1996 mit kunstlos ein Forum für schreibende und kunstinteressierte Jugendliche in Salzburg, ist 2000 und 2001 Mitglied des Literaturportals dieflut und aktuell von Kofaktor - Gesellschaft für Kompositionsforschung und Verbindung der Künste. Des weiteren ist Kleindienst Mitglied der IG Autorinnen Autoren sowie der Salzburger AutorInnenengemeinschaft SAG. Kleindienst war aktiv an mehreren Projekt/mit/arbeiten beteiligt (u. a. neuebuehnevillach, "Österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller des Exils seit 1933", "Dictionnaire critique de la littérature européenne des camps de concentration et d'extermination nazis"). Am 21. März 2007 wird Kleindienst für Aschenmeerschwein: Antikodex mit dem Rauriser Förderungspreis ausgezeichnet - einer literarischen Auseinandersetzung mit Experimenten von NS-Ärzten an KZ-Häftlingen." (Klappentext/wikipedia)

"Kurzbeschreibung, Klappentext:
Robert Kleindienst erzählt die Geschichte eines Besessenen: Ein junger Mann, besessen davon, einen Roman zu schreiben. Alles, was um ihn herum geschieht und was ihn bewegt, gerinnt ihm zu Sequenzen einer Geschichte, die sich ihrerseits wiederum in seinen Alltag einschreibt. Er geht in seinen Texten ein und aus, ein Wanderer in beiden Welten, die zu Schauplätzen einer, seiner Liebesgeschichte verschmelzen. Hier wie dort stürzt er sich in eine Affäre in der Hoffnung auf neue Impulse. Hier wie dort versucht er, sich der Verantwortung seiner langjährigen Beziehung und den gemeinsamen Erinnerungen zu entziehen. Vor der herbstlichen Szenerie von Prag verschwimmen allmählich die Grenzen zwischen alter und neuer Liebe, zwischen Realität und Romanwelt. Als unmittelbarer Zeuge dieses literarischen Schöpfungsaktes gerät der Leser unweigerlich in den Sog zwischenmenschlicher Erfahrungen, aus dem es bis zur letzten Seite und noch darüber hinaus kein Entkommen gibt.

Buchrückseite
"Vorsichtig ließ er seine Finger über Nellys Wange gleiten, die ganz heiß war, und zog die Decke über ihre entblößte Taille. Ihr ganzer Körper war ungewöhnlich warm, fast so, als ob sie Fieber hätte. Während seine Finger über ihren Hals glitten, sah er seine Romanfigur, die an dieser Stelle innehielt und daran dachte, so fest und lange zuzudrücken, bis kein Laut mehr zu vernehmen war."

Der Autor geht einen interessanten Weg; er schreibt als Autor in der Geschichte, also als Autor im Autor.
Die Geschichte schreibt er in "Er-Form" - wenn er als sein Autor schreibt, in "Ich-Form". Das ist aber nur das äußerliche, zwar erwähnenswert, aber das ist nicht die Quintessenz der Geschichte. Die ist ja eine ganz andere.

Was der Autor beschreibt, fühlen sicher sehr viele Menschen, immer mal wieder, aber sie können es nicht so formulieren, wie der Autor es kann; und zwar in einer sehr weit entwickelten Sprache, einer poetischen Sprache fast. Vom Inhalt her eher spärlich, aber die diffizile und feinfühlige, differenzierte Beschreibung der Gefühle, vor allem des "er" und die des Autors "ich". -

Der Inhalt ist relativ knapp; wenn ich mal davon ausgehe, was geschieht in dieser Geschichte. Aber das "Wie" gibt den Ausschlag. Sprachlich einfach hervorragend, ich möchte jetzt mal von Vergleichen mit anderen großen Romanautoren absehen, es sind einige, die mir da in den Sinn kommen.

Das einzige was mich gestört hat, sind die zahlreichen Stellen, wo er mit Fábia englisch spricht. Ohne die Übersetzung anzubieten. - Ja, ich gehöre zu den wenigen Menschen, die englisch so gut einfach nicht verstehen, und ich sehe es als leicht überheblich an, wenn vorausgesetzt wird, dass jeder Leser so gut englisch kann, das er das problemlos versteht.

Aber das reicht für mich nicht zu einem Punkteabzug.

Und noch etwas, was anfangs stört, ist die Ausdrucksweise "am Tisch", wenn etwas auf dem Tisch liegt, oder ähnliches. Das scheint eine österreichische Ausdrucksweise zu sein.

Ein nicht ganz leicht zu lesendes Buch, das aber einen unaufhörlichen wenn auch unauffälligen Spannungsbogen aufweist, und das auf nicht allzu vielen Seiten, sehr viel aussagt, in einer wunderbaren Sprache.