Elizabeth Kostova
Die Schwanendiebe

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Meine Zusammenfassung
Zunächst bekomme ich als Leser einen Einblick in die Person des Protagonisten Marlow. Das geschieht sehr genau und wird später wichtig sein. Er tritt mehr und mehr in den Hindergrund, seine Treffen mit den Exfrauen seines Patienten Robert werden geschildert, zunächst mit Kate, mit der Robert zwei Kinder hat, aber den meisten Raum nehmen die Aufzeichnungen der zweiten Lebenspartnern von Robert, Mary, ein.
Die Autorin hat hier einen interessanten Stil gewählt. Mary möchte Robert das nicht mündlich erzählen, sondern schreibt ihre ganzen Erlebnisse mit Robert auf. So kommt kein Dialog betreffend der Erlebnisse direkt zustande, sondern ihre Aufzeichnungen sind zu lesen. Mary und Marlow treffen sich immer wieder, und Marlow verliebt sich in Mary, aber das ist nur eine Nebengeschichte.

Sie hat z.b. in den Unterlagen von Robert Oliver ein Buch gefunden, wo auch dieses ominöse Bild zu finden ist, eine Beschreibung, und endlich wird dann auch bekannt, wer diese Frau ist, die Robert die letzten Jahre immer wieder portraitiert hat, es ist eine Malerin, die von dem Onkel ihres Mannes gemalt worden war. Aber zu einer Zeit, wo Robert noch gar nicht gelebt hat. -
Dieser Onkel heißt Olivier Vignot, die abgebildete ist Béatrice de Clerval. - Sie lebten Ende des 19. Jahrhunderts in Paris, und Béatrice hatte mit Olivier zahlreiche Briefe gewechselt. - Und schließlich ist sie auf Empfehlung ihres Mannes mit Olivier nach Ètretat gereist, wo auch schon viele Impressionisten gemalt hatten.
Diese Zeit wird sehr poetisch beschrieben, und wird sich auf das künftige leben von Béatrice auswirken…. Zusammen mit dem Buch hatte Mary Robert auch ein Bündel alte Briefe gegeben, die sie in einem Umschlag auch bei den Unterlagen von Robert Oliver gefunden hatte. -

Auch hier erfahren wir wieder alles mehr oder weniger aus den Briefen, die zwischen Béatrice und Olivier Vignot gewechselt werden. Olivier enthüllt ihr ein Geheimnis, das sonst niemand weiß. Nur so viel, es hat was zu tun mit dem Tod seiner Frau in den Wirren der damaligen Revolution. Ihr Verhältnis wird mit der Zeit immer intensiver, und auch körperlich kommen sie sich nahe, aber dazwischen steht nicht nur der riesige Altersunterschied der beiden, sondern auch ihr Verwandtschaftsverhältnis. -
Aber genau dieses Geheimnis, die Schilderung, aber auch Bilder, die Olivier gemalt hat, aber auch ein Bild, das er nie gemalt hat, das aber Robert Oliver malt, und Béatrice hatte es auch gemalt, aber auch das war eine Situation die sie nie selbst gesehen hat, sondern die dieses Geheimnis betreffen, und dieses Bild zeigt eine junge Frau, die eine alte Frau auf dem Boden in den Armen hält, die ein Loch im Kopf hat, wo Blut austritt, und die tot ist, bekommen später eine sehr wichtige Verbindung zur aktuellen Situation mit Robert Oliver.

Immer wieder dazwischen sieht Oliver Marlow auch seinen Patienten, der sich in seiner psychiatr. Privatklinik befindet. Der aber nach wie vor kein einziges Wort mit ihm wechselt. Sondern immer wieder - diese Frau malt.
Marlow weiß jetzt, wer diese Frau ist, und vor allem, dass Robert sie gar nicht gekannt haben kann, da sie ca. 40 Jahre vor seiner Geburt bereits verstorben war. Olivier hatte ein Bild, das Béatrice gemalt hatte, unter einem Pseudonym einer wichtigen Galerie in Paris vorgestellt, es wurde ein großer Erfolg. -
Sie begann unter diesem Einfluss dann ein neues Bild zu malen, und zwar von den Schwänen im Bois de Boulogne. Und jetzt endlich ist eine Verbindung zu dem Titel des Buchs festzustellen, das ja "Die Schwanendiebe" betitelt ist. Mehr davon nicht, aus Rücksicht darauf, dem Leser dieses Buchs nicht alles zu verraten.

 

 

Die Autorin
"Elizabeth Kostova hat an den Universitäten von Yale und Michigan studiert. Ihr erster Roman Der Historiker war in den USA Bestseller Nr. 1 mit mehr als 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Übersetzungsrechte wurden in 44 Sprachen verkauft, die Filmrechte gingen an Sony.

Der Übersetzer:
Werner Löcher-Lawrence, geb. 1956, studierte Journalismus, Literatur und Philosophie, arbeitete als wissenschaftlicher Assistent an der Universität München und als Lektor in verschiedenen Verlagen. Er ist Übersetzer. "

Verlagsbeschreibung:
" Der Psychiater Andrew Marlow liebt seinen Beruf, seine gelegentliche Malerei und sein unabhängiges Leben. Als der berühmte Maler Robert Oliver sein Patient wird, ist es damit vorläufig vorbei. Der Künstler hatte versucht, ein Gemälde in der National Gallery of Art in Washington mit einem Messer zu attackieren. Béatrice de Clerval ist eine begabte junge Malerin in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Paris. Ihr Mentor Olivier Vignot veranlasst, dass eines ihrer Gemälde unter Pseudonym in einer Salon-Ausstellung der Impressionisten gezeigt wird. Was hat das Schicksal dieser Künstlerin, deren Briefe an ihren Malerfreund sich im Besitz des genialen Künstlers Robert Oliver befinden, mit dessen zerstörerischem Wahn zu tun? Mit großer psychologischer Einfühlung beschreibt Elizabeth Kostova in ihrem spannenden neuen Roman die Geschichte einer Obsession, einer großen Liebe - und wie die Liebe zur Kunst die Seelen der Menschen bewegt. "

 

Buchdaten:
ISBN-10:3-8270-0903-0
EAN: 9783827009036 Erscheinungstermin: 12.03.2010
Verlag: Bloomsbury Berlin Einband: gebunden Originaltitel The Swan Thieves Sprache:Deutsch Seiten: 669 Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence

Meine abschließende Meinung
Welch ein Werk!! - Die Autorin hat eine unglaublich verschlungene Geschichte geschrieben, es laufen einige nebeneinander. Aber ohne dass die Autorin auch nur erwähnt, wo ein Zusammenhang ist. - Das überlässt sie dem Leser. Sie lenkt aber genau durch diese Briefe z.b. - die zwei Leute sich Ende des 19. Jahrhunderts schreiben, dahin, dass ich selbst Parallelen erkennen konnte. - Der Briefpartner der jungen Frau Béatrice ist ein älterer Mann, und heißt Olivier, und ist ein Cousin ihres Mannes. Olivier ist Maler. ---- der Patient heißt Oliver. Und natürlich kommt mir der Gedanke, dass das kein Zufall ist. Aber: Es wird immer spannender. - Weil ja über viele Kapitel die momentane Situation von Marlow und seinem Patienten, aber auch dessen Exfrau beschrieben wird.

Diese Briefe, sehr zerlesen, handschriftlich, überlässt aber der Patient seinem Therapeuten, Marlow. Bzw. - er redet mit ihm überhaupt nie auch nur ein Wort. Nur als die Briefe, neben Zeichnungen, gemalten Bildern usw. von Marlow gefunden werden, hat er nichts dagegen, und behält seinen mürrischen, ja zornigen Ausdruck bei.
Aber seine Treffen mit Mary, insbesondere aber ihre Aufzeichnungen über ihr Leben mit Robert, von Anfang an, wie sie sich kennengelernt hatten und der ganze Verlauf bis zu ihrer Trennung sind sehr aufschlussreich für Marlow, und so lernt er seinen Patienten Robert Oliver ziemlich genau kennen. -
Diese Geschichte von Mary und Robert Oliver ist eine sehr spannende. Er ist Maler, und der Dozent eines Workshops, den sie besucht, auch sie ist Malerin. - Es sind zahlreiche sehr interessante Schilderungen über das Wesen der Malerei, insbesondere auch der Einfluss des Impressionismus in die Bilder nicht nur bei Robert, sondern auch bei Béatrice und auch Mary zu erkennen.
Die Schilderungen über die Entstehung von Bildern, um was es geht, um die kleinsten Einzelheiten, die Farbgebung, das Spiel von Licht und Schatten, das alles fliest mit ein. - Aber es ist sehr spannend dargestellt, und immer verwoben mit dem sich anbahnenden Verhältnis zwischen Robert und Mary, und auch zwischen Olivier und Béatrice, ist sogar wichtigster Bestandteil.

Im Buch haben alle Protagonisten mit Malerei zu tun. Ob es sich um Kate, die erste Frau von Robert handelt, um Mary seine Lebensgefährtin nach der Trennung von seiner Frau, um Mary, oder auch den Psychiater, Marlow, handelt, alle malen, Marlow nicht hauptberuflich, er ist ja Psychiater, aber Malen sein großes Hobby. Und auch die beiden Protagonisten aus den alten Briefen, Béatrice und Olivier, sind beide Maler.
Da drängt sich mir natürlich die Überlegung auf, ob die Autorin selbst auch Malerin ist, zumindest Malerei als Hobby betreibt.

Was im Buch fehlt, wenn ich mal von der kurzen Abhandlung über das Geheimnis von Olivier Vignot, was den Tod seiner Frau betrifft, absehe, sind politische Beschreibungen. Weder aus der Zeit Ende 19. Jahrhundert noch aus der aktuellen Zeit. Es spielt auch kaum eine Rolle.

Wichtigsten Aspekt sehe ich eigentlich darin, dass alle auch Dinge gemalt hatten, und auch Robert malt sie ja auch aktuell, die ihrer reinen Phantasie entsprechen. Immer eingebunden in ein Bild, wo eine wirkliche Person dargestellt ist, oder auch eine Landschaft, und darin integriert dann eben Menschen, die sie sich nur vorstellen.
Und Robert, der Patient, malt ja in den letzten Jahren verstärkt nur noch Bilder, wo immer diese Frau, oder auch diese Frau mit der Toten, zu sehen sind, die er niemals selbst gesehen hat, deren Geschichte er nur aus den alten Briefen kennt, und einige Portraits in alten Büchern gefunden hat.
Wo er die Verbindung zwischen sich selbst und diesem allen sieht, das bleibt das spannende Geheimnis, das die Autorin bis zum Schluss ausreizt.

Selbst wer überhaupt zu Malerei im Allgemeinen keine Beziehung hat, wird dieses Buch sehr, sehr spannend lesen können. - die Autorin hat das alles so wunderbar eingeflochten, dass es nicht nur schlüssig erscheint, sondern einfach dazu gehört.

Was noch besonders gut gelungen ist, diese Sprache des Bürgertums im Paris der 70iger und 80iger Jahre des 19. Jahrhunderts zu benutzen, und auch wenn die betreffenden Kapitel keine Überschrift hätten, es ist sofort erkennbar, wer wann und wo was schreibt.
Aber die gesamte Sprache des gesamten Buchs, hat eine hohe literarische Qualität. Ein Erlebnis, dieses Buch zu lesen; von der ersten bis zur 669. Seite !!!