Ludwig Laher
Verfahren

Um was geht es?
Wie in der Verlagsbeschreibung bereits aufgeführt, geht es um da Thema Asyl. In diesem Fall in Österreich.

Der Autor lässt Juristen, die sich mit dem Thema zu befassen haben sprechen. Da gibt es den einen, der sich bemüht, gerecht zu urteilen. Und seinen Ermessensspielraum nutzt. Da gibt es aber jene, die das gar nicht tun, und einfach abhaken, sich auf vorausgegangene Berichte, Vernehmung usw. berufen, und kurzerhand aburteilen.

Was er besonders hervorhebt, sind die Abkürzungen, aber auch, dass keine weiblichen Artikel verwendet werden, wenn es um eine Frau geht. Es heißt immer: : der AW (Asylwerber). Auch die Übersetzungen sind Thema, oft ganz falsch, einfach aus Schlamperei, wird da was in eine Aussage interpretiert, das so nicht gesagt oder gemeint war. -

Wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch die Geschichte von Jelena. Ein serbisches Mädchen im Kosovo. Alleine diese eine Geschichte (es gibt noch einige andere) ist schon Aussage genug, nein viel mehr als das, zeigt genau diese Geschichte die Ungerechtigkeit, Unfähigkeit der zuständigen Behörden, zu entscheiden. Da wird strikt nach dem Schengener Abkommen abgeurteilt.
Und da die Anträge der AW (ich benutze mal hier die gebräuchliche Abkürzung) Regale füllen, die zuständigen Beamten aber alles schnell erledigt haben wollen, wird einfach - ohne über einen einzelnen Fall auch nur nachzudenken - entschieden.

Bei Jelena z.b. ist es so, dass sie nach zahlreichen Verfahren, Behandlungen, auch noch nach vielen Jahren keine Aufenthaltserlaubnis bekommt, sondern immer noch auf der Wartebank sitzt.

Die Geschichte von Jelena ist zu lesen, wie es ihr im Kosovo ergangen ist….. - zunächst ihr Elternhaus abgebrannt, die ganze Familie ausgelöscht, ist sie körperlich und seelisch bereits mehr als kaputt.
Aber was dann noch alles kommt, ist unvorstellbar. Sie findet eine Putzstelle bei einer Hilfeorganisation. Die Rebellen vermuten, sie sei eine Kollaborateurin. Dabei hat sie überhaupt keinen zutritt als Putzfrau!! - Aber: sie wird entführt, gefoltert, unzählige Male vergewaltigt, auf die grausamste Art.
In einer Psychiatrie, wo sie dann dort landet, in der geschlossenen Abteilung, bekommt sie dann von einer Ärztin den Tipp, das Land zu verlassen. - Es gibt für sie einfach keine einzige Region, wo sie leben könnte. - Weder im Kosovo noch in Serbien. -
Und nach vielen Monaten, schlaflosen Nächten, entschließt sich Jelena dann zu diesem Schritt. -

Eine abenteuerliche Wanderung durch Ungarn, über die Grenzen, alles illegal, durchsteht sie. Um dann in Österreich zu laden, wo sie zunächst erstmal eingesperrt wird….. Hier geht ihr Leidensweg weiter.

Ihre Vernehmung ist sehr fehlerhaft, ihr Verfahren wird abgelehnt. - Und so geht es weiter mit ihr, eine unbeschreibliche Odyssee durch Verfahren, Untersuchungen, Haft. Sie hat dutzende Male sich vorgenommen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Versucht es auch mehrmals, immer ohne Erfolg.

Es werden seitenweise Verfahrensablehnungen zitiert, genau im Wortlaut, in einem sehr schlechten Deutsch, mit nicht nachvollziehbaren Begründungen.

Es gibt auch - wenn auch relativ wenige - Menschen, die den Menschen helfen. Aber - das Ende der Geschichte mit Jelena ? bitte selbst lesen.

Es kommen auch zahlreiche ‚Stammtisch'-Meinungen zur Sprache. Wir kennen sie alle….hier in Deutschland nicht anders als in Österreich.

Ein Teil der Geschichte beschreibt auch wie es damals mit den Juden war, und eine jüdische Familie und ihre Ausreise damals ist Thema. Und damals wie heute, war eine große (wenn nicht sogar die größte?) Anzahl der Bürger gar nicht direkt dagegen, Juden auszuweisen, umzubringen….. !!!!

Wie dann der damals emigrierte Mann, jetzt mit über 80, in Kanada lebend, zurückkehrt, nachdem die Situation sich in Österreich gebessert hatte (nach Haider), wird auch thematisiert. - Er hilft jetzt zahlreichen Asylbewerbern und Abgewiesenen mit regelmäßigen Geldzuwendungen. Mehr kann er nicht tun. Aber hier ist die Ähnlichkeit zwischen damals und heute sehr deutlich herausgearbeitet worden.

 

 

Der Autor:
Ludwig Laher, geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie in Salzburg, lebt in St. Pantaleon (Oberösterreich). Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen, daneben wissenschaftliche Arbeiten.

Bei Haymon zuletzt: Herzfleischentartung. Roman (2001, HAYMONtb 2009), Aufgeklappt. Roman (2003), Folgen. Roman (2005), Und nehmen was kommt. Roman (2007) und Einleben. Roman (2009). www.ludwig-laher.com

 

 

 

Beschreibung der Redaktion:
Jelena, eine Kosovo-Serbin, wird in ihrer Heimat wiederholt Opfer unvorstellbarer Gewalt.
Die geht nicht vom Staat aus, sondern von enthemmten Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung.
Schwer traumatisiert, hofft die junge Frau nach zwei Selbstmordversuchen auf einen Neuanfang in Österreich.

Dort aber gerät sie in die Mühlen eines unmenschlichen Asylrechts, das seinem Namen nicht gerecht wird. Seit langem prägt das Thema Asyl die öffentlichen Debatten und sorgt nach jedem von den Medien aufgegriffenen Einzelfall für heftige Kontroversen. Ludwig Laher überträgt diese brandaktuelle Thematik auf eine literarische Ebene.

Er erzählt die exakt recherchierte Geschichte Jelenas als roten Faden eines aufwühlenden Romans, in dessen Mittelpunkt das Justizwesen selbst steht, die Welt der Paragraphen und ihrer Anwendung, ein Spiegelbild unserer Verfassung im doppelten Wortsinn: vielschichtig, mitreissend diskret, erhellend und weit davon entfernt, komplexen Fragestellungen mit einfachen Antworten beikommen zu wollen.

 

 

Buchdaten:
ISBN-10:3-85218-680-3 EAN:9783852186801 Erscheinungstermin:30.08.2011 Verlag:Haymon Verlag Einband:gebunden
Sprache:Deutsch
Seiten:180

Meine abschließende Meinung
Zunächst, ein Buch wo es um Asyl-Verfahren geht….. stellt sich der Leser, wenn er das Buch in der Hand hat, als nicht sehr spannend vor. - Nicht mal so hochinteressant.

Aber: Dass dieses Buch derart spannend, informativ, aufrüttelnd ist, hätte ich nicht erwartet.
Da im ersten Teil viel in der verwendeten Sprache der Beamten geschrieben ist, dachte ich schon, ohje, welche Sprache hat denn dieses Buch… - Tja. bis dann der Autor mit eigener Sprache begann zu schreiben. Und das war in ausgefeilter, hervorragender Sprache ausgedrückt. - Ich denke das ist volle Absicht des Autors…. - so auch die zitierten Gesetzestexte, in einem unbeschreiblichen Deutsch in zeilenlangen Sätzen formuliert, wo vermutlich die Beamten am Ende eines Satzes gar nicht mehr wissen, was eigentlich jetzt ‚Gesetz' sein soll!!!

Ich habe mir sehr viel notiert beim Lesen, aber wenn ich überall drauf eingehen wollte, würde dieser Bericht Seiten füllen. So beschränke ich mich auf diese knappe Vorstellung, mit der Empfehlung, es zu lesen, ich denke da insbesondere an Leute, die etwa so in Stammtischtiraden mit dem Thema Asyl umgehen. -

Aber auch für uns alle ist es ein sehr lesenswertes Buch, das nicht Glück und ein gutes Ende beinhaltet, es auch gar nicht verspricht.

Ich fand das ganze Buch sehr spannend, sehr interessant, literarisch sehr hochwertig. Und wenn dem Autor damit gelingt, was ja seine Intention ist, die Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, dann ist dieses Buch genau das Richtige!