Kim Leine
Ewigkeitsfjord

 

 

buchtitel

 

Was bewog mich zum Lesen dieses Buchs?


Ausnahmsweise sprach mich hier der Buchtitel an. Für mich klingt er sehr vielversprechend. Ebenso auch Cover.
Da ich schon mehrere Bücher gelesen habe, die im nördlichen Eismeer spielen, interessierte mich das jetzt, da es in Grönland spielt. Und zwar zu der Zeit, als es noch eine Kolonie von Dänemark war.
Also hochinteressant, die Zeit, der Ort. Und natürlich die Menschen.
Es ist ein recht dickes Buch (637 Seiten) und versprach für mehr als eine Woche Lesevergnügen.

Mein Leseerlebnis


als erstes bin ich begeistert davon, dass auf Buchumschlag hinten und vorne eine Landkarte ist. - Vorne die von der Gegend wo der Ewigkeitsfjord zu finden ist, hinten ein Stadtplan Kopenhagens zur damaligen Zeit.
Und wie immer bei solchen grafischen Zugaben in einem Buch, nutze ich sie sehr häufig. Vor allem wenn es darum geht wo beschrieben wird, von welchen Fjord jemand kommt, zu welchem er reist; so kann ich ungefähr sehen wie weit das ist.
Und so geht es auch mit dem Stadtplan von Kopenhagen.
Während der Beschreibung des großen Brandes, wo große Teile der Innenstadt abgebrannt sind, kann ich so wunderbar verfolgen, wo das Feuer jetzt ist, und kann den Weg nachvollziehen; kann sehen wo der jeweilige Protagonist grade ist.
Eine tolle Sache für mich, solche grafischen Zugaben in einem Buch!

Um was geht es?


Ende 18. Jahrhundert, Morten Falck soll in Kopenhagen Theologie studieren. Das hat sein Vater bestimmt. Er selbst würde lieber Medizin oder ein naturwissenschaftliches Fach studieren.
Sein Vater hat für ihn vorgesehen, dass er in irgendeiner Ortschaft in Dänemark eine Pfarrei übernimmt, eine gute Frau heiratet und ein bürgerliches, auskömmliches Leben führt.
Er findet Logis bei einer Druckereifamilie, wo er über der Druckerei ein winziges Zimmer zugewiesen bekommt.
Theologie langweilt ihn, so wendet er sich z.B. auch der Medizin zu, er belegt nebenbei also auch ein Medizinstudium, was er aber nicht abschließt. Theologie schließt er grade so noch ab.
Von seinem Zimmerfenster aus beobachtet er die drei Töchter des Druckereibesitzers.
Nach einiger Zeit, als die älteste das gewisse Alter erreicht hat, macht er ihr den Hof, verlobt sich sogar mit ihr.
Immer wieder besucht er auch mal seine Schwester Kirstine in Nakskov, die im Begriff ist, einen Pastor zu heiraten. - Seine Reisen werden beschrieben, für uns heute nicht vorstellbar; die Übernachtungen in einem Stall, das dürftige Essen, aber vor allem auch wie umständlich und langwierig so eine Reise ist.
Er hat auch ein Buch dabei, 'Gullivers Reisen'.

Er denkt häufig, angeregt von Kirstine, die bei Gesprächen u.a. auch Rousseau


erwähnt hat und von ihm ein Zitat:
„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten!“

Dieses Zitat wird Morten jetzt sein ganzes Leben begleiten.

Morten ist auf dem Schiff und lässt sein Leben im Geist ablaufen... z.B.
als er seine Verlobung löst mit der Tochter des Buchdruckers.:

„.....Ja, denkt er, die Verlobung war eine Kette, für mich und für sie, und ich habe sie gesprengt und weggeschleudert, genau wie ich mich von allem anderen losgerissen habe, von meiner Familie, von meinem Heimatland. - Wie einfach es ist! Er begreift nicht, warum ihm diese Einsicht erst jetzt kommt.
Meine ganze Jugend, denkt er, habe ich wegen eines Missverständnisses verschwendet. Da bedarf es erst einer Seereise, um Rousseaus Satz zu verstehen, mich selbst zu verstehen und zu begreifen, warum ich hier bin und nicht auf einem Pfarrhof in Lolland.“

Morten hat eine Kuh mit aufs Schiff genommen. Was sich während der vielen Wochen als lebensrettend erweisen sollte. Diese Kuh hat er dann später auch dabei, als er an Land geht.

Dort steht ihm ein Katechet zur Seite, und als er ihn wegen einiger Sachen fragt über seinen Vorgänger, bekommt er häufig zu hören: 'Naluara' . Was 'ich weiß nicht' bedeutet.
Aber er weiß auch, was es eigentlich bedeutet, nämlich: 'Leck mich am Arsch' .


Die Geschichte von Habakuk und Maria, die auf dem später so genannten 'Ewigkeitsfjord' ansiedeln.
Die ganzen Eigenarten dieses Menschenschlags werden ausführlich geschildert.
Sie enden darin, dass die beiden eine sehr hohe Anerkennung erlangen, und um sich zahlreiche andere anschließen, ihre Zelte dort aufschlagen, weil es ihnen dort gut geht.
Und noch vieles mehr. Es ist eine ganz eigene Welt.

Dazu ist aber die Vorgeschichte von Maria wichtig: Sie hatte ein schlimmes Erlebnis über Jahre mit dem Pfarrer ihrer Heimatgemeinde.

Diese Pfarrer damals, zu dieser Zeit, und in diesem weit entfernten (wilden, unzivilisierten Land) führten ein total verkommenes, ausschweifendes Leben.
Sie nahmen sich die jungen und schönen Mädchen, oft mehrere auf einmal, ließen sie in ihrem Haushalt schuften und vergingen sich an ihnen. Und das über Jahre.
Maria hatte sich davon befreit und war mit Habakuk, ihrem Mann, weggezogen, eben auf diesen Fjord. (Ewigkeitsfjord).

Maria hat eine Ausstrahlung auf alle Menschen, und der Zulauf ist immens. Von überall her kommen Leute und siedeln sich um sie herum an.
Ihnen geht es von da an gut, sie hungern nicht mehr, frieren nicht mehr, haben ein Dach über dem Kopf und werden beschützt.

Und auch in dieser Gruppe von 'Eingeborenen' ist es üblich, dass die Männer, wenn sie auf mehrere Tage oder sogar Wochen auf lange Fischfangfahrten mit ihren Booten gehen, eine Frau mitnehmen, mit der sie dann während dieser Zeit Sex haben.
Das wissen ihre Ehefrauen – und: es ist total normal, es gibt keine Eifersucht.

Ein Satz nur, der letzte in diesem Kapitel:


Zitat:

„.....was hast du heute Nacht geträumt, fragt Habakuk seine Frau.
'heute Nacht habe ich geträumt, dass wir im Frieden und Eintracht miteinander leben.'

Er wirkt enttäuscht. 'Ist das alles?'
'Das ist der größte aller Träume' sagt sie.'


Später wird Morten das wichtigste Erlebnis seines Lebens genau von dort haben.

Zu dieser Zeit herrschte ja in Dänemark dieser irre König Christian.
(dazu einiges zu lesen in meinem Bericht über das Buch: http://www.giselasletterbox.rosslauer.de/autor_af/emquist_per_olov_der_besuch_des_leibarztes_buchtitel.html)

In vielen Seiten wird jetzt das weiter Leben der nächsten Jahre von Morten in Grönland, in diesen Fjorden, erzählt.
Es ist alles sehr spannend, hochinteressant, vollgestopft mit Ansichten, philosophischen Einwürfen, aber auch mit geschichtlichen Gegebenheiten.

Morten selbst hat nie dieses Luderleben der Pfarrer dort nachgeahmt. Ganz im Gegenteil, er verachtete diese Pfarrer und verstand den Widerwillen der Eingeborenen, sich christianisieren zu lassen.
Er bekam dann auch größere Schwierigkeiten, alle mit vielen Hintergründen, Nebenschauplätzen und dutzenden von Protagonisten.

Morten begibt sich schließlich nach einigen Jahren auf die Heimreise – über Norwegen, wo er geboren wurde, und dann nach Dänemark. Wieder eine mehrere Wochen dauernde Schiffsreise, mit unsäglichen Erlebnissen und Abenteuern. - Auch dann an Land, wo das Reisen ebenso abenteuerlich – und auch lebensgefährlich – ist.
Schließlich befindet er sich wieder in Dänemark, in dem Ort, wo er bei dem Buchdruckermeister gewohnt hatte, Theologie und Medizin studiert hatte, und wo er mit der einen Tochter des Meisters verlobt gewesen war.

Und dann, er ist in Kopenhagen unterwegs, beginnt das große Feuer, das große Teile von Kopenhagen vernichtet, er mittendrin. Alle Leute reagieren konfus, die damaligen Feuerwehren sind nicht zu vergleichen mit den heutigen.
Ein spannendes, unglaublich vielfältiges Erlebnis.
Und da mittendrin findet er auch die ehemalige Verlobte. - Sie wohnt bei ihrer Schwester, ist geistig umnachtet, würde ich sagen.
Er trifft sich auch mit ihr, aber sie erkennt ihn gar nicht...

Nach vielen folgenden Erlebnissen, wo u.a. auch ein wichtiges Dokument, das ihn einiger Rechtsvergehen in Grönland bezichtigt hatte, und beim kirchlichen Dienstherr in Kopenhagen gelandet war, bei diesem großen Band irgendwie abhandengekommen war. -
Zu seinem Glück. Und so konnte er sich bewerben für eine Pfarrstelle....

Aber wo?
Das verrate ich jetzt nicht, mit Rücksicht auf jene, die dieses Buch lesen wollen (was ich heiß empfehlen kann!!)
erwähnt hat und von ihm ein Zitat:
Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten!

 

 

 

Autor:
Kim Leine, 1961 als Kind dänischer Eltern in Norwegen geboren, ist einer der wichtigsten dänischen Autoren der Gegenwart. Seine Romane wurden von der Kritik gefeiert und in mehrere Sprachen u?übersetzt. "Ewigkeitsfjord" wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Preis des dänischen Buchhandels, "De Gyldne Laurbær", und dem "Politikens Litteraturpris".




Beschreibung der Redaktion:
Ende des 18. Jahrhunderts geht Morten Falck als Missionar nach Grönland. Mit einem Satz Rousseaus auf den Lippen und mit einer Kuh im Schlepptau trifft er nach wochenlanger Seefahrt in der dänischen Kolonie ein. Hier prallen die Lebensweise der Eingeborenen und der Kolonisatoren in Eis und Finsternis gewaltsam aufeinander. Die zehn Gebote, die er predigt, wird Morten bald in vielfacher Hinsicht übertreten. Aber er gewinnt auch die Liebe einer Eskimofrau und findet völlig unerwartet eine abtrünnige Siedlergemeinschaft, die tatsächlich nach aufklärerischen Idealen lebt. Kim Leines meisterhafter Roman macht das Leben in Grönland zur damaligen Zeit mit allen Sinnen erfahrbar und erzählt zugleich eine ganz moderne Geschichte.


Angaben zum Buch:
ISBN-10:3-446-24477-8
EAN: 9783446244771
Erscheinungstermin :03.02.2014
Verlag: Hanser
Einband: gebunden
Originaltitel: Profeterne i Evighedsfjorden
Sprache: Deutsch
Seiten: 640
Übersetzer: Ursel Allenstein

und abschließend


zunächst – unglaublich vielfältig, was in diesem Buch zu erfahren ist.
Die Einheimischen dort, als 'Eingeborene' betitelt, die sehr einfach, ja wild sind, und auch die Wilden genannt werden. Wie sie gelebt haben zu der damaligen Zeit.

Und auch ihre Gebräuche, grade auch in sexueller Hinsicht. Da wählte sich jeder nach Belieben einen Partner aus, mit dem er sein Lager teilte. - Eifersucht ist unbekannt. - Das ist normal.
Und auch der Schmutz in diesen Wohnhöhlen, wo nur hineingekrochen werden kann. Und und und...

Aber in meinen Augen das Schlimmste, wie sich die herrschende Klasse, hier die Kolonialherren, die Dänen, verhalten haben. Also die Pfarrer, die zum Missionieren dorthin entsandt worden waren.

Wie sie – und auch alle anderen, die Macht hatten, sich gegenüber den 'Eingeborenen' verhalten haben!!
Sie wurden weniger geachtet als Tiere, einfach nicht für voll genommen.

Im letzten Kapitel sind wir dann einige Jahre später, mit Morten.
Aber wo das ist (sicher werden das einige schon erraten haben), lasse ich offen.

Ich denke, der Autor schließt da einen Kreis, und eigentlich, wenn diese ganzen Gegebenheiten, die Lebensverhältnisse dort in den Fjorden von Grönland bedacht werden, will dort kein Mensch leben.
Bis auf die, die es besser kennen, oder einen Sinn darin sehen oder gesehen haben.
Aber hier würde ich schon wieder zu viel vom Ende der Geschichte verraten.

Auch das ist wieder ein Buch, das für jeden geeignet ist, weder explizit für Männer noch explizit für Frauen!!!
ich bin von diesem Werk des Autors begeistert und kann das Buch wirklich sehr empfehlen!!

Vielleicht kann/könnte es auch einen Beitrag dazu leisten, wie man/frau sich selbst sieht, bzw. evtl. sein Verhalten überprüfen sollte..

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